Shy Guy at the Show

Neuzeit.tv dreht ein Musikvideo im Carambolage

Sebastian Emling als JeanMit MTV begann Anfang der 80er Jahre der Siegeszug des Musikvideos. Seit Video Killed The Radio Star werden in der Musikbranche nicht nur Platten und CDs aufgenommen, sondern auch Videos gedreht, in denen die Künstler ihre Lieder spielen und sogar ganze Geschichten erzählen. Auch die Karlsruher Nachwuchsband Shy Guy at the Show ist diesen Weg gegangen.


Samstagnachmittag, am 5. ­August im Carambolage. Ich stehe am Mischpult der DJ-Konsole und warte auf mein Signal. Der Durchgang zum Hauptraum der Disco ist verhangen. Für die Aufnahme des Musikvideos „Whats left of Jean“ der Band Shy Guy at the Show darf kein Tages­licht durch die dicken, schwarzen Vorhänge gelangen, die mit Tape an den Wänden befestigt sind. Ich höre etwas Gemurmel, dann wird es still. „Musik!“

Ein ganz normaler Drehtag

Schnell drücke ich auf Play. Der CD-Spieler startet den Track. Ein weiteres Mal hallen Gitarren-­Akkorde durch die Räume, in denen das ­Video gedreht wird. Ich gehe zum Vorhang, der mir die Sicht auf das Filmset verdeckt und schiebe ihn zur Seite. Mehrere Scheinwerfer beleuchten eine Ecke. Der ganze Raum ist überladen mit Lampen, Koffern, Stativen und weiterem Equipment. Der ­Sänger Sebastian Emling sitzt vor einem Spiegel und bewegt die Lippen zum Text. Wie alle Band­mitglieder spielt er im Musikvideo selbst mit.
„Anfangs haben wir die Zeit unter­schätzt, die wir für das Make-up brauchen. Unsere Freundinnen haben uns noch geschminkt, als das Team war schon drehbereit war“, erzählt mir der Frontmann später in einem Interview. Als über den Dreh nachgedacht wurde, wusste man auch noch nicht, ob die Bandmitglieder als Schauspieler bestehen würden.

SGATS
Die SGATS: Shy Guy At The Show

Die Idee

Bevor man sich bei den SGATS zum Dreh eines Musikvideos entschlossen hatte, gab es noch Diskussionen über die Finanzierung des Projekts. Schließlich ergibt ein Musikvideo keinen direkten Nutzen. ­Letztendlich wurde dann aber doch die Band­kasse geplündert und 500 Euro für den Dreh verwendet. Es sollte ein professionelles Musikvideo her, das zu Promotion-Zwecken genutzt werden kann.
Auf dem New Bands Festival 2006 trafen die SGATS Regisseur Patrick Banfield von neuzeit.tv zu einem Interview. Die Band war vom Stil der Produzenten ­begeistert. „Unsere Beiträge waren eben ­fetter als die üblichen lahmarschigen ­Musikdinger“, berichtet mir Patrick. So entstand der Kontakt zwischen Band und Filmteam und es wurde bald über ein Musikvideo gesprochen. Dieses ist für die SGATS ein weiterer Schritt zur Professionalität und dient der Öffentlichkeitsarbeit.
„Wir sind alle in recht ­günstigen Situationen, was das Studium ­angeht. Ein Label zu bekommen ist keine Utopie mehr und wir sind alle bereit, uns auf die Band zu ­fokussieren“, sagt mir der Sänger. Deswegen ­wollte man eine ­gewisse Qualität erreichen. Das Shy ­Guy-Gefühl musste rüberkommen, die Leute sollten sich komisch fühlen, wenn sie das Video sehen. Die Band vermittelt gerne ein Gefühl von ­Desintegration in ihren Songs.
Erzählt wird die Geschichte von Jean, einem Transvestiten, der aus seinem Heimatdorf in die Stadt zieht und dort mit dem Nachtleben ­einer Bar zurechtkommen muss. Das ­Video löst sich etwas von dem Text des Liedes. Jean wird nicht wie im Song getötet, sondern er wird erschaffen. Für das Video gab es ­generell kaum Vorgaben seitens der Band, außer, dass es eine gewisse Ästhetik vermitteln sollte. Zudem wurde ein grundsätzlicher Plot vorgegeben. Das Team von neuzeit.tv erklärte dann, was umsetzbar sei und Patrick schrieb die Story.

Making the Video

Nachdem der Kontakt zum Filmteam hergestellt und das Konzept ­entwickelt war, hat man das Budget für die Ausleihe des Equipments genutzt. Für die Drehstunden selbst wurde nichts berechnet. Zusätzlich erklärte sich der Karlsruher Club ­Carambo bereit, seine Innenräume für die Aufnahmen kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Neuzeit.tv hat selbst einige Geräte gestellt und den Rest bei Privatfirmen entliehen.
Als Studenten, haben sie die Möglichkeiten der Hoch­schulen kaum genutzt. Das Team entschied sich dagegen, ­etwas aus dem Medien­zentrum der ­Universität zu entleihen, da dies zu kostspielig gewesen wäre. ­Außerdem gibt man dort ungern das teure Equipment an Studierende aus. Also wurde nur aus dem HIT-Studio, in dem es gute Möglichkeiten zur ­Videoproduktion gibt, ein Lichtkoffer ausgeliehen.
Insgesamt haben fast 40 Personen, darunter auch ich, geholfen. Daher musste ein Drehtag natürlich gut ­organisiert werden. Dennoch kam es immer wieder zu Verzögerungen am Drehwochenende und es wurden oft mehrere Takes gefilmt. Zwischenzeitlich wurde es schwer den Zeitplan einzuhalten und schließlich kam es sogar dazu, dass im Carambolage erst kurz vor Einlass abgebaut werden konnte.
Die Stimmung am Set war sehr gut. Es wurden Witze gemacht, ­gemeinschaftlich Pide geholt und mit den Requisiten herumgealbert.
Natürlich war mit dem ­letzten Drehtag die Arbeit noch nicht ­beendet. Der Schnitt und die ­Bearbeitung des Videomaterials ­waren enorm ­zeitaufwändig und kosteten viele Stunden. Nach vier Wochen war die erste Version des Videos im Internet und wurde der Öffentlichkeit und den Fans zur Verfügung gestellt.

Videodreh im Carambolage
Videodreh im Carambolage

Aftermath

Das Feedback war überwiegend sehr gut. Die Band und neuzeit.tv ­bekamen von professioneller ­Seite viel Lob, mit einem geringen ­Budget ein so ein gutes Video ­gedreht zu ­haben. „Verstanden hat es aber kaum jemand, macht auch nix. Soll ja spannend und ­faszinierend sein“, sagt Patrick zu den Kommentaren von einigen befreundeten ­Regisseuren und Bildtechnikern.
Die SGATS sind auf jeden Fall sehr zufrieden mit ihrem Clip. Er wurde in High Definition gedreht und ist damit bereit für die HD-Ära.
Die Arbeit in einem Studio ist für die Band immer das ­Schwierigste. Die Gruppendynamik eines Live-Auftrittes fehlt. Der Videodreh war diesbezüglich eine willkommene ­Abwechslung. Auch, wenn es spät am Abend war, sind die Newcomer immer wieder neu auf Position gegangen, um ein weiteres Take zu drehen. Die Bandmitglieder konnten einfach die Bilder ablaufen lassen, die sie bei einem Auftritt im Kopf haben. Diese wiederum haben sich durch das Video verändert und so hat die Band jetzt einen völlig neuen Bezug zu ihrer Musik bekommen.

Ausblick

Am 13. Oktober werden die Shy Guy at the Show und Moorange im ­Substage ab 20 Uhr ihre neuen ­Alben vorstellen.
Eine Woche später findet das ­Finale des Play-Live Newcomer ­Contest statt. Hier haben es die SGATS in die Finalrunde geschafft. Neben der Möglichkeit ihr Können unter beweis zu stellen, winken Geldpreise in Höhe von insgesamt über 10.000 Euro.
Das fertige Musikvideo kann im Netz bei der videocommunity ­angeschaut werden. Demnächst soll es auf mehreren weiteren ­Videoplattformen veröffentlicht werden. Es ist auf der EP „The elliptic ep“ enthalten und wird ebenfalls auf dem neuen Album „Elliptic“ erscheinen.
Der nächste Schritt ist auch schon getan. Patrick hat mit MTV ­Kontakt aufgenommen und „Whats left of Jean“ vorgestellt. Auch in Zukunft wollen die SGATS weitere ­Musikvideos produzieren.
Wenn alles so läuft, wie die Band es sich wünscht, werden die ­Musiker demnächst ­vielleicht ­regelmäßig im Fernsehen zu sehen sein. Als Barmann, Putzmann, Pädo, der ­Schmierige, der Hektische und schließlich Jean, dem Transvestiten.

Boris Pawlikowski

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