frei Schnabel: Tour d‘Aufklärung
Die Tour begann zu ihrer 94. Austragung das erste Mal in London. Bei typisch britischem Wetter fuhren die Fahrer in einem Einzelsprint am Wohnzimmer der Queen vorbei und ein Blick in die Liste der Etappensieger verrät dem geneigten Sofasportler schon vor Ende der Plackerei den möglichen Ausgang…
Nehmen wir das Beispiel Robbie McEwen. Das australische Känguru siegte auf der Etappe von London nach Canterbury. Doch schon am ersten Hügelchen der Tour bemerkte er in seinem Beutel ein unerwartetes Jungtier, sofort musste er von der Tourorganisation in Mutterschaftsurlaub geschickt werden.
Dann der tragische Fall Astana. Zunächst bereitete der Sturz von Klöden und Wino dem Teamchef Kummer den Selbigen. Und doch mussten die Fans nicht auf ihr geliebtes „allez allez, très bon Wino, très bon“ verzichten: Der Kasache gewann zwei Etappen, nach Dopingverdacht stieg aber gleich das ganze Team aus den Pedalen und sonnte sich in der blutroten Abendsonne von Biarritz. Und Rasmussen? Auch dieser Etappensieger konnte vom Rennsportfan als Toursieger ausgeschlossen werden, denn spätestens als dem Dänen wieder Haare wuchsen, galt er als gedopt. Und so war dann auch sein plötzlicher Rückzieher durch das Rabobank Teams geklärt.
Und ohne Träger des Gelben Trikots und deutsche Siegchancen verließen auch ZDF und ARD die Kräfte. Eurosport, in bewährt unterhaltsamer Art, hielt Fahrwasser und sendete bis zum bitteren Ende.
Auf den (Ab)fall T-Mobile kann man an dieser Stelle getrost verzichten, denn während Sinkewitz im sportlichen Koma weilt, segelt Käpt’n Rogers schon lange wieder unter weißen Segeln. Aber auch Gerolsteiner hatte in diesem Jahr mit einer mangelhaften Mannschaft zu kämpfen: Es gab lediglich Naturelle und Medium im Teambus, ohne kraftspendende Kohlensäure lief nicht viel, so dass man sich rasch entschied dem Radsport für immer den Rücken zuzuwenden.
Liebe Sportsfreunde, auch wenn Ete Zabel beinahe der älteste Fahrer der Tour war, hätte er in Paris gewinnen müssen. Als Zweiter und Dritter einer Etappe musste er nie zur Dopingkontrolle und konnte immer sofort ins Hotel. Zabel, du bist halt ein Fuchs!
Ja, die Tour der Leiden. Doch wer leidet mehr: der fettleibige Zuschauer zu Hause oder der abgemagerte Rennfahrer selbst, der im Sportstudio wieder nur als Edelhelfer gefeiert wird? Ich weiß es nicht. Die Zukunft wird es zeigen, ob nun mit Perreiro als Sieger 2006, Jan Ullrich als Favoritenschreck 2008 oder anderen EPOchalen Wendungen.
