Jäger der verlorenen Studiengebühren

Jäger der verlorenen StudiengebührenSie sind da: die Studiengebühren! Jeder hat von ihnen gehört, jeder hat sie bezahlt, doch, wer hat sie gesehen? Was passiert eigentlich mit unserem Geld?


Aller Protest und Boykott der Studiengebühren ist gescheitert. Seit Beginn des Sommersemesters 2007 ist jeder ordentliche Student dazu verpflichtet, pro Semester 500 Euro an seine jeweilige Hochschule zu überweisen. Studenten, die über keine elterlichen Finanzspritzen verfügen, müssen nun noch mehr Arbeiten um das Geld aufzubringen oder sich zur Fortsetzung bzw. Aufnahme eine Studiums verschulden.
Wer nicht zahlt wird von der Hochschule mit der Exmatrikulation bestraft. Für viele Studenten brächte dies ungewisse Zukunftsaussichten, die Aufhebung des Versicherungsschutzes und bei vielen wohl auch häuslichen Zwist mit sich. Obwohl die Einführung der Studiengebühren nach wie vor als soziale Ungerechtigkeit empfunden wird, resignierte ein Großteil der Studenten. Da gegen Ende des Sommersemesters 2007 wieder 600 Euro, einschließlich der Verwaltungsgebühren, berappt werden müssen, stellt sich so mancher die Frage: Was passiert eigentlich mit meinem Geld?

Gerechte Verteilung
Gerechte Verteilung

Kunde Student

Von den Gebühren sollen natürlich in erster Linie die Studenten profitieren. Die Leitung der Fridericana hat noch zu Jahresbeginn der Presse und ihren Studenten versichert, dass das Geld aus den Studiengebühren nicht mit Zuschüssen des Landes verrechnet wird oder diese ersetzen sollen. Im Vordergrund stand die Erweiterung der Bibliotheken und zusätzliche Einführung zahlreicher Tutorien. Vor allem aber sollte das Geld für die Studienberatung und die Betreuung der Studierenden, insbesondere durch Einführung neuen Lehrpersonals, verwendet werden. Laut der Universität Karlsruhe sollten die Verbesserungen für jeden einzel­nen Studenten ersichtlich sein. Die Verwendung der Studiengebühren soll für jeden Interessierten gläsern präsentiert werden.

In Echt

Die Realität sieht jedoch anders aus. Erschreckend wenige Studenten wissen, wohin ihr Geld eigentlich hinfließt. Kaum jemand hat bislang echte Verbesserungen an seiner Fakultät bemerkt und auch die Qualitätssteigerung der Studienbedingungen sind größtenteils noch unbemerkt geblieben. Dennoch wird von überall her versichert, dass Innovationen stattgefunden hätten und es lediglich eine Frage der Zeit sei, bis deutliche Verbesserungen festzustellen sind: Die aus den Studiengebühren an die Fakultäten überwiesenen Gelder finden Verwendung in neuem Lehrmaterial, Büchern für die Bibliotheken, Tutorien, Exkursionen und neuen Hiwistellen. Allerdings sind es nicht wie versprochen bedeutetend mehr geworden. Zudem werden die Studiengebühren für Fachbereiche ausgegeben, die vorher mit den Zuschüssen des Landes finanziert wurden – und das obwohl die Universität Karlsruhe versicherte, dass dies nicht geschehen würde. Stattdessen scheint es nun so, als ob die Studiengebühren als Ersatz für die Gelder des Landes herhalten müssen.

Das schwarze Loch

Solidargemeinschaft in Aktion
Solidargemeinschaft in Aktion

Rätselhaft erscheint auch, wie die Studiengebühren an der Fridericana verteilt werden. Ein höchst dubioser Verteilerschlüssel teilt jedem Fach einen Gewichtungsfaktor zu. Die Geisteswissenschaften haben den Faktor 1.5, was bedeutet, dass von jedem Euro, den ein Geisteswissenschaftler im Semester bezahlt, 40 Cent in andere Fakultäten fließen. Als Begründung dient eine sogenannte Solidargemeinschaft innerhalb der Studierendengesellschaft, in der sich die Institute gegenseitig unterstützen. Technische und naturwissenschaftliche Studiengänge brauchen, laut der Universitätsleitung, mehr und kostenreicheres Lehrmaterial und Maschinen als die Geisteswissenschaften – ungeachtet dessen, wieviel der durchschnittliche Geisteswissenschaftler während eines Semesters für Studienlektüre aufbringen muss. In diesem konkreten Fall bedeutet Solidarität wohl, dass die Kleinen die Großen unterstützen.
Aber wie sehr werden zusätzliche Gelder wirklich benötigt? Die meisten der technischen und naturwissenschaftlichen Institute bekommen ihren Lehrmittelaufwand entweder von der KIT oder aus der Zusammenarbeit mit Unternehmen finanziert. Die freie Wirtschaft unterwandert demnach spürbar langsam die Universität. Nicht nur die Fridericana, sondern auch andere Hochschulen im ganzen Land werden zunehmend nach ihrer Wirtschaftlichkeit bewertet. Fakultäten und Studiengänge, die sich nicht mit technischen oder naturwissenschaftlichen Zweigen zusammenlegen lassen, werden langsam abgebaut, weil sie sich nicht lohnen. In Karlsruhe schützt allein die Exzellenzinitiative die Geisteswissenschaften vor dem Abbau, da der Elitestatus als Universität, nicht als Technische Hochschule, erlangt wurde. Es bleibt jedoch zu befürchten, dass sie zu einem Deutschkurs für Maschinenbauer und nichtdeuschsprachiger Studenten verkümmern.
Wenn die Studiengebühren aber nicht vollständig in die Lehre fließen oder möglicherweise die Landeszuschüsse ersetzen, wozu werden dann die Gelder speziell an der Universität verwendet? Zugegeben, die Forschungsschwerpunkte der Fridericana sind, wenn nicht Gold, dann Geld wert. Wird ihnen vielleicht durch doppelte Buchhaltung mehr Geld zugewiesen als bekanntgegeben wird? Fließt das Geld vielleicht ins Ausbauprogramm „Hochschule 2012“, in dessen Rahmen zusätzliche Studiengänge für den doppelten Abiturjahrgang geschaffen werden? Legt die Leitung der Fridericana das Geld auf die hohe Kante für den Fall, dass das Land Baden-Württemberg seinen Bildungseinrichtungen weiterhin die Gelder kürzt? Von offizieller Seite ist darüber selbstverständlich nichts bekannt gegeben worden.
Das Geld der Studenten verschwindet einfach auf Nimmerwiedersehen zwischen den Zahnrädern der Universität, was damit geschehen ist und weiterhin geschehen wird steht auf einem weißen Blatt Papier.

Wo ist mein Geld geblieben?

Der Schlund
Der Schlund

Diese Frage dürfte sich so mancher Student stellen. Auf der Suche nach den verlorenen Scheinen verirrt man sich auf den Seiten der Universität und des Landes. Zahlen über den Landeszuschuss, Zusatzeinnahmen durch Studiengebühren und Finanzierungen aus der KIT oder die Verwendung der Gelder aus der Exzellenzinitiative sind kaum zu finden. In Telefonaten wird man nur vertröstet, man hätte sich an die falsche Anlaufstelle gewandt. Aber wohin man sich denn wenden könnte um klüger zu werden, weiss keiner. Stattdessen wird man gebeten eine Email mit den befindlichen Fragen zu verfassen, die erst eindringlich geprüft, untersucht und dann der Pressestelle der Universität, des Landes oder des Unternehmens übergeben wird. Diese meldet sich dann – vielleicht irgendwann einmal. Vermutlich erst dann, wenn dieser Artikel längst gedruckt und im Karlsruher Umland für Aufsehen gesorgt hat. Dann nämlich, wenn die Universität keine andere Wahl mehr hat als die Zahlen über die Verwendung der Studiengebühren offenzulegelegen, wie sie es von Anfang an hätte tun müssen.

Inci-Nur Memili

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