Live in Second Life

Zwei Bands betreten digitales Neuland

Live in Second LifeOb Greenpeace, die Post oder Nicolas Sarkozy: Wer was auf sich hält, inszeniert sich in Second Life. Zwei Karlsruher Bands zeigen mit Hilfe der Hochschule Karlsruhe, dass Auftritte in Second Life durchaus Qualität haben und verwischen in einem Experiment die Grenzen der digitalen und realen Welt.


Das 2003 gestartete Online Rollenspiel „Second Life“ sorgt immer wieder für Diskussionen. Das Programm ermöglicht es dem Spieler, selbst gestaltete Welten zu erstellen und diese mit den Schöpfungen anderer Spieler zu vernetzen. So entsteht ein Netzwerk, in dem Menschen aus aller Welt miteinander reden, spielen oder Handel treiben können. Dadurch erscheinen die Nutzungsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt. Die Entwickler der 1999 gegründeten Firma „Linden Labs“ hatten das Ziel, ein „Metaversum“, eine virtuelle Welt wie sie im Roman „Snow Crash“ beschrieben wird, zu kreieren. Und das mit Erfolg: Im Juli 2007 bewohnten über acht Millionen Spieler die Plattform von Second Life. Die Nutzung des Spiels ist kostenlos. Jeder kann sich die Client Software für den Zugang zur Onlinewelt herunterladen und mit seinem eigens erstellten Avatar die Welt erkunden. Das Spiel wird erst dann kostenpflichtig, wenn man virtuelles Land kaufen möchte, auf dem Objekte wie Wohnungen, Geschäfte oder Bars errichten werden können.

Virtuelle Arbeit – Reales Geld

Ermöglicht wird dies durch die Einführung einer virtuellen Währung, dem Linden$. Mit dieser Währung werden sämtliche Geschäftsabwicklungen in Second Life geführt. Will man mit seinem Avatar also ein Stück Land kaufen, muss der Spieler sich erstmal auf dem virtuellen Arbeitsamt einen virtuellen Job suchen. Der Clou an der Sache: die sauer verdienten Linden$ können gegen reale US$ getauscht werden. Somit ist es mit der richtigen Idee möglich, seinen Lebensunterhalt mit Second Life zu bestreiten. Auch reale Firmen entdecken immer mehr die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die hinter Second Life stecken. So entstehen Läden, in denen reale Kleidungshersteller virtuelle Klamotten für die Avatare anbieten. Noch unbekannte Künstler nutzen Second Life, um sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Maler können auf Vernissagen Bilder ausstellen und verkaufen, Bands haben die Möglichkeit, mit ihren Avataren Konzerte vor einem Publikum aus aller Welt zu geben.

Indierock mal anders

Hier rockt der Avatar
Hier rockt der Avatar

In Karlsruhe wird in Sachen Konzert-auftritte in Second Life nun Neuland betreten. Bisherige Gigs von Bands in Second Life waren nicht viel mehr als eine Playback Show, bei der die Avatare performt haben. An der Hochschule Karlsruhe treten nun zwei lokale Indirockbands gleichzeitig im HIT Studio und in Second Life auf. Ermöglicht wird dies durch eine spezielle Kameraausrüstung, welche vom extrahertz.de Team zur Verfügung gestellt wird. Der Auftritt wird von Kameras gefilmt und direkt in Second Life übertragen. Dort treten die Charaktere der Band auf der Muse Isle, eine Insel, die sich auf Live Musik und Kunst in Second Live spezialisiert hat, auf. Die zusehenden Avatare sehen auf der Bühne sowohl die Band als auch das Konzert aus dem Extraherz Studio, das auf Leinwand übertragen wird. Über einen zweiten Videobeamer wird das Geschehen aus Second Live zurück in die reale Welt übertragen, die realen Zuschauer können die virtuellen sehen und umgekehrt. So werden beide Welten miteinander verknüpft, bei der die virtuellen Zuschauer sogar die Möglichkeit haben, nach dem Konzert über Second Life mit den Bands zu sprechen. Auftreten werden die beiden Bands „Rosskopf“ und „Hangover“. „Hangover“ existieren seit 1999 und zelebrieren einen Sound, den man als Rhytmic Rock bezeichnen könnte. Die Band stand schon im Halbfinale des überregionalen Bandcontests „Popmotor“ und kann mit „What you need“ und „Roller Tip Pen” bereits 2 Mini CDs vorweisen. „Rosskopf“ existieren erst seit 2006, haben aber in etlichen Auftritten ihre Heimatregion schon weitgehend beackert. „Für uns als Musiker ist es ein Medienexperiment, das uns näher an ein weltweites Publikum bringen wird.“ so der Bassist Anders Lehr.

„2 good 2 be real“

Am Samstagabend war es dann schließlich soweit. Rosskopf und Hangover gaben vor 80 Leuten unter dem Motto „2 good 2 be real“ ein Live Konzert- die Hälfte davon war jedoch nicht real, sondern virtuell dabei. Die Interaktion mit dem Second Live Publikum klappte trotz einer kleinen, durch den Live Stream ausgelösten zeitlichen Verzögerung. Das reale Publikum konnte an die 40 Avatare beim Feiern beobachten und hören. Wer wollte konnte auch in direkten Kontakt mit dem Second Live Publikum treten, indem er mit Hilfe der vorhandenen Laptops in seinen eigenen Charakter schlüpfen konnte. Auch für die Bands war es ein einmaliges Erlebnis, da sie die Anwesenheit des Second Live Publikums dank des Streams hören konnten. Um sowohl dem Second Live, als auch dem realen Publikum zu zeigen, dass auf beiden Seiten wirklich Menschen zu Gange waren, gab es nach dem Konzert einen Voice Chat mit der Second Life Veranstalterin JenzZa Misfit. Die
gute Stimmung war sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt deutlich zu spüren. Auch von technischer Seite klappte alles, sodass Anders Lehr, der auch technischer Assistent des Events war, das Experiment als Erfolg bezeichnete: „Man merkte irgendwie, dass wir mit diesem Projekt eine erste Tür in die Zukunft der realen in die virtuelle Welt hinein geöffnet haben.“

Christophe Kopf

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Eine Reaktion zu “Live in Second Life”

  1. Patrick

    Second Life wurde von der Wirtschaft meiner Meinung einfach total überschätzt. Das ganze kennen wir ja schon von der “.com-Blase”.

    Meiner Meinung ist die Umsetzung von Second Life noch nicht wirklich reif. Redet man in Second Life von einer Massenveranstaltung dann sind die technischen Grenzen schnell erreicht. Für ein reguläres Konzert wären derartige Besucherzahlen eher beschämend (v.A. wenn man wieder kommerzielle Konzerte als Maßstab nimmt). Nur weil Second Life das erste System ist das wirklich funktioniert muss es noch lang nicht das Einzge sein.

    Trotzdem schön dass in dieser von Sex und Glücksspiel verseuchten “Welt” sich noch jemand um Kultur und Musik kümmert. Mit so toller technischer Unterstützung war das auch sicher eine tolle Sache!

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