Suche Student, biete Ticket

Erstwohnsitzkampagne des Stadtmarketings

Suche Student, biete TicketZu Beginn des Wintersemesters lockt das Stadtmarketing die Studentenschaft mit attraktiven Geschenken, ihren Erstwohnsitz in Karlsruhe anzumelden. Es geht um viel Geld. Denn es profitieren nicht nur die Studenten, sondern auch die Stadt erhält große Zuschüsse.


Ausnahmslos jeder Student der acht verschiedenen Hochschulen wird mit einem extra für Studenten zusammengestellten Package belohnt, wenn er Karlsruhe als seinen Erstwohnsitz offiziell anerkennt. Dabei handelt es sich nicht nur um Peanuts, denn mit einem Gesamtwert von ca. 160 Euro verschenkt Karlsruhe praktische Hilfsmittel, die das Studentenleben vereinfachen. Da Mobilität in Karlsruhe groß geschrieben wird, gibt es für Studenten einmalig das Semestertickets des ÖPNV-Systems im Wert von 102,50 Euro. So sind die angehenden Akademiker nicht nur unabhängiger, sondern haben die Möglichkeit sich mit ihrer neuen Umgebung vertraut zu machen und das Badnerland lieben zu lernen. Außerdem verlost das Stadtmarketing ganz im Sinne des Mythos „Fahrradstadt“ 200 extra designte Studentenräder. Die Verlosung der Räder findet Ende November statt. Bevor aber die glücklichen Gewinner Karlsruhe mit ihren neuen Rädern erkunden können, heißt es Geduld bewahren und warten. Jeder der Gewinner erhält nämlich ein auf sich eigens zugeschnittenes Fahrrad und das kann zwei oder drei Monate dauern bis 200 Räder fertig sind.
Als i–Tüpfelchen des Ganzen gibt’s obendrauf noch ein Gutscheinheft für 50 Euro und ein Stadtbuch zur allgemeinen Orientierungshilfe.

Wir sind Studentenstadt

Da die über 30.000 Studenten einen wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft darstellen und in großen Zügen das Alltagsleben der badischen Metropole mitbestimmen, hat sich die Stadt das Ziel gesetzt, ihre Jungakademiker mit Karlsruhe zu identifizieren und sie aktiver in das Stadtleben mit einzubeziehen. Ein besonderes Gefühl des Willkommens soll den Neuankömmlingen zeigen, dass sie hier nicht nur wahr-, sondern auch herzlich angenommen werden. Deswegen will die Stadt ihre Studenten nicht „erkaufen“, vielmehr sollen sie mit Herz und Seele an die Stadt gebunden werden. Im Weiteren soll eine speziell auffallende Farbe des Fahrrads das Stadt- und Straßenbild weiter aufwerten. Selbst nach Ende des Studiums bleibt der eigene Drahtesel in der Rolle des „Botschafter Karlsruhe“, wenn er schließlich an einem anderen Ort als Fortbewegungsmittel eingesetzt wird.

Nicht ohne Eigennutz

Stadt kauft Studenten?
Stadt kauft Studenten?

Pro Anmeldung sahnt die Stadt stolze 1000 € aus dem Finanzausgleich der Länder ab. Was genau mit diesen Einnahmen aber passiert, liegt im Ermessen der Stadtverwaltung. Dies bedeutet, dass das Geld der Gemeinde im Allgemeinen zu Gute kommt, nicht aber zwingend dem Studenten. Im Fokus der Stadt liegen bis jetzt langfristige Unterfangen wie das Sorgenkind Wohnungsmarkt oder auch die Umwandlung der Bevölkerungsstruktur der Oststadt.
Die Kampagne wird für das kommende Semester mit 300 000 Euro von Seiten der Stadt unterstützt. Bei einem sichtbaren Erfolg wird das Projekt auch über weitere Jahre hinaus fortgeführt, wobei sich die Stadt durchaus bereitwillig zeigt, den weiteren Werdegang des Unterfangens „Heimatstadt Nummer Eins“ auf 600.000 Euro aufzustocken.

Von der Theorie zur Praxis

Lange Rede kurzer Sinn: Wie kommt Student Max Mustermann an das Studi-Package ran? Alles was man für sein Package braucht, ist die Immatrikulationsbescheinigung und die Erstwohnsitzbestätigung. Um den Studenten diese erste Hürde über die Ämter zu nehmen, wird zu Beginn des Semesters im Studentenwerk temporär ein Schalter eingerichtet, an dem sich Studenten informieren und sofort ummelden können. Da die Aktion auch ohne Schalter fortläuft, haben Unentschlossene und Spätzünder die Möglichkeit, sich zu einem späteren Zeitpunkt beim Amt für Bürgerservice und Sicherheit (BuS) zu melden um das Package zu ergattern. Sogar die Studenten, die zu schnell waren und längst ein Semesterticket haben, können ihr schon bezahltes gegen Bargeld eintauschen. Diejenigen, die aber ganz ohne Semesterticket auskommen, gehen leer aus, denn das kostenlose Ticket kann nicht bar ausgezahlt werden.

Neue Kampagne – Alte Idee

Die Idee Studenten an ihre Universitätsstadt zu binden ist nicht neu. Schon lange versuchen auch andere Städte mit ähnlichen Kampagnen Studenten anzulocken. Angefangen von auferlegten Luxussteuern für den Zweitwohnsitz bis hin zum Erlass der ersten Studiengebühren, scheint der Ideenreichtum der Universitätsstädte fast grenzenlos.
Karlsruhe hatte bereits 2004 im Rahmen des Stadtgeburtstages erste Erfahrungen in punkto Erstwohnsitzkampagne gesammelt. Mit einem Ausschreiben und einem kostenlosen Internetzugang, versuchte das Stadtmarketing Studenten an sich zu binden, aber nur mit mäßigem Erfolg. Nur 39 Studenten ließen sich überzeugen. Aber jetzt soll alles anders werden. Mit einer durchschlagenden Kampagne und den nötigen finanziellen Mitteln verspricht sich die Stadt definitiv größere Erfolge als zuvor.

Dank StudiTicket überall daheimDank StudiTicket überall daheim

Ohne Nachteile für Studenten

Befürchtungen, dass die Ummeldung Nachtteile mit sich zieht, kann das Stadtmarketing dementieren. Weder werden irgendwelche Strafen auferlegt, wenn man erst später den Entschluss fasst, sich umzumelden, noch rückt das Kreiswehrersatzamt mit dem Einberufungsbefehl an. Vielmehr kann man diesen Schritt auch als endgültige Abnabelung seiner Jugend betrachten und endlich fern ab von der alten Heimat auf den eigenen Füßen stehen.

Perspektivenwechsel

Über Geschenke freut sich natürlich jeder, besonders seit es Studiengebühren gibt. Aber sind Studenten der Stadt nicht mehr Wert als läppische 160 Euro? Vor allem in Anbetracht der 1000 Euro, die die Stadt pro Nase verdient, erscheint das Gerede über ein „besonderes Gefühl des Willkommens“ eher als schaler Vorwand, um schneller an das Geld heranzukommen. Und was nützt einem Studenten diese Kampagne, wenn er selbst keine preiswerte Wohnung findet? Soll er mit seinem neuen Ticket in der Bahn übernachten und sich mit den Gutscheinen eine Decke kaufen? Alles in allem sind die Geschenke ganz nett, aber um wirklich den Studenten das Leben in ihrer neuen Umgebung leichter zu machen, bedarf es mehr als nur das. Wie schon im Artikel zuvor über die Verteilung der Studiengebühren erwähnt, wäre mehr Transparenz und mehr Kommunikation zwischen den Ämtern und den Studenten wünschenswert. Denn dann würden sich die Studenten wirklich mit einbezogen fühlen und sicher auch bereitwilliger ihren Erstwohnsitz wechseln.

Mareike Wetzel & Timo Heiler
Comic
Comic: Niklas Horn

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben