Interview: Reflexion als Luxus

Walter Grasskamp über die Geisteswissenschaften

Walter Grasskamp

Was sind die Geisteswissenschaften für unsere Gesellschaft? Woher kommt die Kritik, was macht sie bei Studienanfängern so beliebt? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Walter Grasskamp, Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Kampus: Immer häufiger ist die Rede von der „Krise der Geisteswissenschaften“, stimmt das?

Walter Grasskamp:

Sowohl das Gerede über diese Krise wie die Krise selber sind notorisch, manchmal sogar identisch. Man nennt die Geisteswissenschaften ja auch die „Diskussionswissenschaften“, womit gemeint ist, dass außer reden nicht viel getan wird in dieser Fakultät und dabei angeblich auch nichts Zuverlässiges oder Brauchbares herauskommt. Ich hoffe aber doch sehr, dass auch in den Naturwissenschaften diskutiert wird.

Kampus: Ist die Frage nach dem Nutzen der Geisteswissenschaften für die Gesellschaft überhaupt berechtigt oder gar zulässig?

Walter Grasskamp:

Es ist eine von der Allgemeinheit alimentierte Tätigkeit, also ist sie rechenschaftspflichtig. Die Frage ist allerdings: nach welchen Kriterien? Vor Jahrzehnten herrschte große Aufregung, als Jürgen Habermas für die „Finalisierung“ der Wissenschaften eintrat, womit er hauptsächlich die Naturwissenschaften meinte. Das war zwar nur eine Wiederauflage des Werturteilsstreits, traf manche Naturforscher aber empfindlich: Sollten sie sich nun öffentlich dafür rechtfertigen, dass sie munter für die Atomindustrie forschten oder für die Pharmakonzerne? Das wollten sie natürlich nicht, also plädierten sie vorsichtshalber mal für die Freiheit der Forschung. In den Geisteswissenschaften kommt es erst gar nicht zu solchen Konflikten, weil niemand in ihren Ergebnissen ein kommerzielles Potential sieht. Sie verdankten ihr Überleben ohnehin hauptsächlich der Lehrernachfrage aus den Gymnasien. In dem Maße, wie dort für die einschlägigen Fächer weniger Bedarf herrscht und zu viele Lehrer produziert werden, stehen die Fakultäten auf dem Prüfstand, weil sie nun Arbeitslose produzieren. Das tun die Juristen freilich auch, doch niemand zweifelt deshalb am Sinn der Juristerei.

Kampus: Brotlose Kunst oder lohnenswerte Erleuchtung?

Walter Grasskamp:

Es ist doch auffällig, wie viele Menschen inzwischen nach ihrem Berufsleben an die Universität zurückkehren, um dort als Seniorenstudenten den jungen Bafög-Langschläfern die Sitzplätze im Hörsaal wegzuschnappen – freilich nicht in den Natur- sondern in den angeblich überflüssigen Geisteswissenschaften: Kunst, Literatur, Musik, Völkerkunde, Religion. Haben sie in ihrer Jugend den Fehler gemacht, ein Studium zu wählen, mit dem man Geld verdienen konnte, und nun im Alter das Geld, diesen Fehler wieder gutzumachen? Ist das eine biografische Vermisstenanzeige; haben sie eingesehen, dass sie ihr Leben entfremdet verbracht haben? Oder ist das Geistige heute eine Angelegenheit des Alters, wie früher Religion für die Witwenbelegschaften der Frühmessen? Fördert diese Symbiose das Ansehen der Geisteswissenschaften mit dem einstigen Pathos der Altersweisheit oder schadet der Zuspruch von Alten eher in einer jugendbesessenen Gesellschaft?

Kampus: Wie würden Sie einem Ingenieur die Aufnahme eines geisteswissenschaftlichen Studiums schmackhaft machen? Oder: Was können Maschinenbauer von einem Kunsthistoriker lernen?

Walter Grasskamp:

Einem jungen Ingenieurstudenten würde ich die Aufnahme eines geisteswissenschaftlichen Studiums vermutlich vergeblich schmackhaft zu machen versuchen, selbst wenn ich ihm klarmachen könnte, dass das allermeiste, womit er sich beschäftigt, einst den Künsten zugerechnet wurde. Früher sorgte ein studium generale dafür, dass die Spezialisierung unterlaufen wurde, aber Spontanbekehrungen von einer Natur- zu einer Geisteswissenschaft dürften auch damals selten gewesen sein.

Anna Redeker und Annika Karpowski

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