Fiction statt Science – Exoten im Exil

Fiction statt Science

Fiction statt Science

Die Geisteswissenschaften unterstreichen immer vehementer ihren nahenden Untergang. In Zeiten, in denen die Lehre auf Herz und Nieren geprüft und auf ökonomischen Nutzen hin untersucht wird, befinden sich die Brotgelehrten auf sicherer Seite. Ausbruch aus dem selbstverschuldeten Jammertal gelingt – jedoch nur mit mehr Selbstbewusstsein.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat 2007 zum „Jahr der Geisteswissenschaften“ ausgerufen und fordert einen lebendigen Umgang mit der Wissenschaft von Germanist & Co. Trotz Vielschichtigkeit und Methodenpluralismus wird doch eine Frage immer lauter: Welchen Nutzen haben diese Fächer? Braucht man die Geisteswissenschaften überhaupt? Leisten wir sie uns lediglich – oder profitieren wie in irgendeiner Art und Weise von Ihnen? Mit den Ergebnissen ihrer Arbeit wird man nicht Leben retten, höher fliegen oder schneller fahren können. Während Techniker und Mediziner fleißig unsere Zukunft steuern, gelten die Erben Platons zunehmend als das intellektuelle Prekariat in Deutschland, ihre Fächer als Luxus. Das Vorurteil, dass das Studium Geisteswissenschaften direkt in die Arbeitslosigkeit führt, hat das Image erheblich angekratzt. Mangelnde Beliebtheit ist jedoch nicht das Problem der „brotlosen“ Fächer: Im Jahr 2005 nahmen 82000 Erstsemester in diesem Bereich ihr Studium auf, das sind 26 Prozent aller Anfänger – und fünfundzwanzig Prozent mehr als 1990. Etwa 5500 Professoren unterrichten sie, etwa 350000 Studierende bewähren sich als Geisteswissenschaftler. Die Nachfrage ist groß. Aber wieso eigentlich? Oft ertönt das Argument, die Grübel- und Denkfächer lassen einfach mehr Raum bei der beruflichen Planung und seien darüber hinaus eine Bildung fürs Leben.

Alles bereit für den Abend
Science statt Fiction: Grabrede oder Laudatio?

Wider die Bescheidenheit

Dieses „wir sind an sich wichig“- Argument wird immer eingesetzt, wenn man die Existenz von Geisteswissenschaften zu verteidigen meint, und es stimmt nie. Sie sind nicht schmückendes Attribut unserer Gesellschaft, gar überflüssig, sie werden gebraucht, um die Welt neu zu denken. „Noch nicht einmal die zwei großen Strömungen unserer Gegenwart, die Globalisierung und die Wiederkehr des Religiösen, lassen sich ohne die Geisteswissenschaften einordnen oder erklären“, sagt Professor Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats. „Die Gesellschaft braucht sie als kulturelles Reflektionspotential, in dem die anderen Bereiche kritisch hinterfragt, bewertet, verglichen, historisch vertieft werden, kurz: um die historisch gewordene Welt besser verstehen zu können“, sagt der Münchener Historiker Winfried Schulze. Den Skeptikern mögen diese Aussagen bitter aufstoßen. Jedoch lässt sich das, was Geisteswissenschaftler tun, auch in Zahlen ausdrücken. Zum Beispiel erzeugt allein die Kulturwirtschaft, das heißt Galerien, Verlage, Theater et cetera, in Deutschland jährlich eine Wertschöpfung von rund 35 Milliarden Euro. Damit reiht sich dieser volkswirtschaftliche Sektor knapp vor der Softwareindustrie und knapp hinter der Energiewirtschaft ein. Die schonungslosen Fakten sprechen keineswegs gegen die Denkfächer: knapp 8000 Geisteswissenschaftler waren im März 2007 arbeitslos gemeldet, was neben 27106 Ingenieuren und 5468 Juristen gar nicht übel aussieht. Das Problem ist also nicht das Fach per se, sondern die falsche Einstellung dazu. In Zukunft muss man die Geisteswissenschaft eher gegen sich selbst als gegen die Angreifer verteidigen, denn den philosophischen Köpfen scheint es an Mut und Selbstbewusstsein zu fehlen. Das Studium ist nicht nur Spielwiese für Schöngeister, sondern bietet vor allem Lösungsvorschläge für die geistigen Probleme der Gegenwart und Zukunft.

Moral Sciences

Was sind Geisteswissenschaften? Unter diesen Begriff fallen laut Bestimmung des Wissenschaftsrats formal 17 Studienbereiche und 96 Fächer. Darunter Romanistik, Anglistik und Orchideenfächer, wie Sinologie und Skandinavistik. Klingt komisch – ist aber so. Der Begriff etablierte sich im 19. Jahrhundert in enger Verbindung mit den Anfängen der modernen Universität und dem Aufstieg des Bildungsbürgertums. Als Abgrenzung zu den „natural sciences“, den Naturwissenschaften, definierte der britische Philosoph John Stuart Mill die „moral sciences“, welche später einfach mit „Geisteswissenschaften“ übersetzt wurden. Diese Wissenschaft profiliert sich nicht vorrangig über ihren unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen, aber sie bemüht sich um ein besseres Verständnis des Menschen, seines Handelns, Denkens und Erlebens. Im Studium erlangt man zwar keine spezifische Berufsausbildung im klassischen Sinne, dafür hat man den Möglichkeitssinn trainiert und das Fragestellen gelernt. Um das Leben auch nur in Teilen zu verstehen, bedarf es diesen Grundqualifikationen. Auch wenn manch eine Forschungsarbeit praxisfern und elfenbeintürmern anmutet, kann man niemals ausschließen, dass diese Erkenntnis einmal grundlegend für unser Denken werden könnte.

„ABC der Menschheit“

Das „ABC der Menschheit“, das die Geisteswissenschaften buchstabieren, reicht von A wie Aufklärung bis Z wie Zukunft. Unter diesem Motto steht auch das Wissenschaftsjahr 2007, das sich nach sieben Jahren Naturwissenschaften erstmals den Geisteswissenschaften widmet. Thema des Jahres der Geisteswissenschaften ist – getreu dem Motto vom ABC der Menschheit – die Sprache. Als unverzichtbare Basis jeder Art von Denken ist sie gleichfalls die wohl größte gemeinsame Grundlage aller geisteswissenschaftlichen Fächer. Bildungsministerin Annette Schavan will laut einem Interview in diesem Jahr erreichen, dass „vieles von dem, was in den vergangenen Jahren analysiert wurde, nun auch strukturell umgesetzt wird“. Ob Frau Schavan damit die Bekämpfung der immer weiter voranschreitenden Zurückdrängung der geisteswissenschaftlichen Fächer an großen deutschen Universitäten, allen voran als Paradebeispiel die Uni Mannheim, meint, sei dahingestellt. Doch ein Ziel ist mit Sicherheit angestrebt: “Schon in der zweiten Runde der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung wird ein deutlich gestiegener Anteil der Geisteswissenschaften erkennbar werden”, so Schavan.

Projekt „Geisteswissenschaften an der Universität Karlsruhe“

Im Wissenschaftsjahr 2007 sollen gemeinsam mit der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ und zahlreichen weiteren Einrichtungen und Partnern aus Wissenschaft und Kultur die Geisteswissenschaften erlebbar gemacht werden, und durch Diskussionen, Ausstellungen, Lesungen, Performances, Wettbewerbe und verschiedene Projekte soll eine möglichst breite Aufmerksamkeit auf das Jahr der Geisteswissenschaften gelenkt werden. So befindet sich auch die Universität Karlsruhe mitten in den Vorbereitungen zu einem Projekt, das im Rahmen des Wissenschaftsjahres realisiert werden soll. Burkhard Krause, Professor für germanistische Mediävistik und Leiter des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaften an der Uni Karlsruhe, betreut und leitet das Projekt, das vorsieht, die Tradition der Geisteswissenschaften an der Karlsruher Universität zu dokumentieren. Denn dass die Geisteswissenschaften an der hiesigen Uni auf eine lange Geschichte zurückblicken können, wird im Trubel um die Wahl zur Eliteuni und dem Slogan „Science statt Fiction“ oft vergessen. Wir sagen: Fiction statt Science! Und berufen uns auf den Philosophen Odo Marquard, der meint: „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften.“

Annika Karpowski und Anna Redeker

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