Warum man nie zufrieden ist

„Was für ein Mistwetter.“

„Ab in den Süden.“

„Sommer, Sonne, Sonnenschein.“

„Wieso regnet es nur, wenn ich frei habe?“

„Wann wird´s mal wieder richtig Sommer?“

„Mich kotzt hier alles so an.“


„Ich würde am liebsten auswandern.“ Höre ich, wie sie es jedes Jahr um mich herum sagen. Dieses Jahr zähle ich zu den Glücklichen, die in den Urlaub reisen dürfen. Die Nachbarin sitzt seufzend auf ihrer Terrasse, als ich ihr von meinem Glück erzähle. „Ich verbringe diesen Sommer auf Balkonien“, sagt sie und versucht dabei fröhlich auszusehen. Es gelingt ihr nicht so ganz. Jetzt seufze ich. „Komm doch einfach mit.“ Besser als alleine zu verreisen.

9 Wochen später an der Costa Brava. Um elf Uhr morgens gehe ich runter zum Pool. Die Nachbarin grinst strahlend „Ich bin extra früh aufgestanden und habe uns Liegen reserviert.“ Am Strand ist es ihr zu dreckig und der Sand ist ihr zu heiß. Abends gehen wir in eine Bar. Die Musik gefällt der Nachbarin natürlich nicht. Aber es ist ja sowieso zu warm zum Tanzen. Wir verlassen die Bar und besorgen uns Bier im Supermarkt. “Hola” sage ich. „Bonjour“ werden wir begrüßt (die meisten Touristen in dem Ort sind Franzosen). „Können wir auch eine Tüte haben?“ fragt die Nachbarin auf deutsch. Der Verkäufer versteht sie natürlich nicht. Dank heftiger Zeichensprache hören wir nach einer Weile endlich „Un sac?“ Für den Verkäufer scheinen alle Touristen anscheinend aus nur einem Land zu kommen.: Touristenland, mit Französisch als Amtssprache. Er ist wenigstens genauso ignorant wie die Nachbarin, deswegen schäme ich mich nicht mehr ganz so sehr für sie. „Das schmeckt aber komisch. Und dabei war das viel zu teuer.“ Leider gab es nicht die Lieblings-Bier-Marke der Nachbarin. Am nächsten Tag kriege ich fortwährend von dem Liegenstreit zu hören, den die Nachbarin jeden Morgen seit unserer Ankunft führt. Sie ist entrüstet, weil irgendjemand das Handtuch von ihrer zweiten Liege weggezogen hat. Abends im Hotel knabbert sie an ihrem Schwarzbrot (natürlich von zu Hause mitgebracht). Sie hat sich einen schweren Sonnenbrand zugezogen. „Ich wollte doch nur mal so richtig braun werden. Bei uns zu Hause ist das ja unmöglich.“ Bei der ganzen Streiterei hat sie vergessen sich einzucremen. Am nächsten Tag reist sie vorzeitig ab. So ein Pech aber auch.

Mit Koffer, Tasche und Tüte beladen steige ich aus dem Taxi. Die Nachbarin sitzt seufzend auf ihrer Terrasse: „Am schönsten ist es doch zu Hause.“ Sie sieht dabei sogar fast glücklich aus. „Findest du nicht auch, dass es für diese Jahreszeit viel zu warm ist?“

Warum man nie mit dem zufrieden ist, was man hat? Man will eben immer das andere.

Sarah Beilersheim

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Eine Reaktion zu “Warum man nie zufrieden ist”

  1. Bjrn

    Hey Sarah, hier ist ja jeder zweite Artikel von Dir ;-)
    Das mit dem Werke, Welten, Digsbums fand ich cool…

    Grüße,
    Björn

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