Sich prostituieren, um zu studieren

Studierende mit ungewöhnlichen Jobs

Sich prostituieren, um zu studierenSeit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Studierenden, die in Großbritannien in der Sex-Industrie tätig sind, angeblich um 50 Prozent gestiegen. So heißt es in einer bisher unveröffentlichten Studie „UK Students and Sex Work“ unter der Leitung von Ronald Roberts der Kingston University London.


Worin liegen die Ursachen und inwiefern lässt sich die Studie auf andere Länder Europas, insbesondere auf Deutschland, beziehen? Natürlich ist es nicht unbekannt, dass es Studierende gibt, die sich ihren Lebensunterhalt mit einem umstrittenen Job in der Sex-Industrie finanzieren. Schwierig hierbei ist die Frage zu beantworten, ob dies aus freien Stücken geschieht, oder ob tatsächlich wirtschaftliche Not diese Studierenden dazu zwingt im Sex-Gewerbe tätig zu werden. Gibt es auch in Karlsruhe Studierende, die in diesem Gewerbe ihre Existenz bestreiten? Diesen und anderen Fragen wollen wir hier nachgehen.

Was zählt man zu sexuellen Dienstleistungen?

Rote Lichter nahe Karlsruher Uni
Rote Lichter nahe Karlsruher Uni

In den Sozialwissenschaften werden sexuelle Dienstleistungen in verschiedene Formen aufgeteilt. Zum Ersten gibt es die Straßenprostitution, bei der sich die Prostituierten am Straßenrand ihren Kunden anbieten. Diese Art der sexuellen Leistungen spielt laut Beratungsstellen für Sexarbeiter keine Rolle für Studierende. Darüber hinaus existiert noch die Prostitution in Bordellen, bei der die Prostituierte oder der Stricher in einem Haus arbeitet, in dem der Freier sich die jeweilige Person aussucht. Hierbei besteht von den Angestellten eine Abhängigkeit zum Bordell oder zu seinen Zuhältern. Eine Abwandlung zu Bordellen sind so genannte Laufhäuser, die mit schaufensterähnlichen Räumen im Erdgeschoss ausgestattet sind, in denen die Prostituierten sitzen. Eine weitere Form ist die Modellprostitution. Dort mieten sich meist mehrere Prostituierte eine Wohnung an und werben dann in Lokalzeitungen oder im Internet mit ihren Diensten. Außerdem gibt es sexuelle Dienstleistungen in speziellen Bars, Saunen oder Clubs. So genannte Escortagenturen bieten hohe Verdienstmöglichkeiten. Diese Agenturen legen besonderen Wert auf attraktives Aussehen, gute Umgangsformen und Sprachkenntnisse. Der Ausgang einer arrangierten Verabredung bleibt dem Angestellten selbst überlassen.

Sexuelle Dienstleistungen in Mode?

Zwar scheinen Studierende in Escortagenturen die besten Verdienstmöglichkeiten zu haben, jedoch beobachtet die Sozialpädagogin Monika Hoffmann von Tamara, einer Beratungs- und Hilfestelle für Prostituierte in Frankfurt, eine Tendenz hin zu studentischer Prostitution in den vergangen Jahren. Sie führt dies zum Teil auch darauf zurück, dass dieses Thema in fast allen gesellschaftlichen Bereichen enttabuisiert wird und der Job als Prostituierte mittlerweile etwas „Hippes“ hätte.

Anlaufstelle in Karlsruhe

Das Gesundheitsamt Karlsruhe, Beiertheimer Allee 2, bietet ein offenes Ohr für alle Angelegenheiten der im Rotlichtmilieu Beschäftigten; hier gibt es Beratungen und Untersuchungen. Über den Anteil an Studierenden im Sex-Gewerbe gibt es keine genau erfassten Daten. Jedoch schätzt das Gesundheitsamt die Beschäftigung von Studierenden unter einem Prozent. Frau Grau vom Gesundheitsamt Karlsruhe ist der Ansicht, dass aufgrund der Studiengebühren die Zahl der Studierenden aus diesem Gewerbe etwas steigen könnte, jedoch in den „saubereren“ Bereichen – wie beispielsweise bei den Hostessen-Jobs.

Was die Polizei dazu meint

Morgens Uni … und Abends?
Morgens Uni … und Abends?

Das Karlsruher Polizei-Dezernat unter der Leitung von Heinz Müller führt keine Statistik zu Beschäftigten aus dem Sexgewerbe und deren Haupttätigkeiten. Die Polizei greift daher lediglich auf Erfahrungswerte zurück. Von diesen berichtete uns der Polizeibeamte Herr Bücher. Demnach gibt es in Karlsruhe eine hohe Anzahl von Bordellen und Bordell-Wohnungen, wo entsprechende Dienstleistungen angeboten werden. Diese werden in einem Zyklus immer wieder von der Polizei kontrolliert. Die Besitzerinnen der Wohnungen wechseln oft ihren Arbeitsplatz bzw. -ort, jedoch gelangt jede Dame unter die Kontrolle der Polizei. In den letzten drei Monaten kontrollierte die Polizei auch eine Studentin, die in einem Massage-Salon arbeitet. Zu ihrem Dienstleistungsangebot gehöre laut der Auskunft des Polizeibeamten „Massage mit Handentspannung“ – dem entsprechenden Kundenkreis wird wohl bekannt sein, wo bei dieser besonderen Massage die Hand entspannend angelegt wird. Insgesamt bleibt die Trefferquote, was Studierende im Rotlichtmilieu betrifft, allerdings relativ gering. Die Zahl der im Sex-Gewerbe beschäftigten Studentinnen und Studenten liegt auch nach Schätzung der Polizei unter einem Prozent. Aus persönlicher Sicht glaubt Bücher eher nicht, dass nach Einführung der Studiengebühren mehr Studierende ins „andere Gewerbe“ wechseln könnten. Dazu seien eine zu große Überwindung und die innere Einstellung nötig, um Kunden bedienen zu können.

Rotlichtmilieu als einzige Alternative?

In der heutigen Situation, in der über 500 Euro Studiengebühren für jeden Studierenden pro Semester anfallen, ist jeder Student und jede Studentin auf der Suche nach neuen – besseren, gewinnbringenderen, weniger zeitintensiven – Jobs. In der größten Studenten-Community studiVZ genießt die Gruppe „Die coolsten Jobs“ immer größere Beliebtheit. Darin tauschen Studenten und Studentinnen – in ihrem zweiten Leben fleißige Parkplatzautozähler, Autositzbügler, Testfernseher, Autowäscher, Bestatter, Thrombozythen-Spender, Hundefrisöre, Medikamententester, Spüler, Komparsen und Museumswächter – ihre Erfahrungen aus der Berufswelt. Doch Studierende aus dem Rotlichtmilieu sind schwer zu finden. Auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass entweder keine solche Person zu finden ist oder die Betroffenen nicht dazu bereit sind über das Thema zu sprechen. Vermuten kann man folglich, dass Studierende entweder ein Problem mit diesem Doppelleben haben, oder dass es in Deutschland nur eine geringe Rate an studentischen Beschäftigten im Sex-Gewerbe gibt.

Kann Deutschland bald mit Frankreich und Großbritannien konkurrieren?

Neben der gestiegenen Zahl, der im Sex-Gewerbe Tätigen in Großbritannien steigen dort zudem die Schulden von Studierenden immer mehr an. So betrug 2004 nach Angabe der National Westminster Bank die durchschnittliche Verschuldung eines britischen Studierenden rund 18.000 Euro. Dies erklärt vielleicht ansatzweise, warum immer mehr junge Menschen versuchen, auf dem scheinbar schnellen Weg des Sex-Gewerbes an Geld zu kommen. In Frankreich ist in dieser Debatte laut linker Studentengewerkschaft SUD sogar von einer Zahl von 40.000 Studierenden die Rede, die sich prostituieren. Diese Angabe wird zwar angefochten, die Existenz des Problems studentischer Prostitution steht allerdings außer Frage. Die Verhältnisse in Deutschland sind weit von den französischen und englischen entfernt. Studierende, die einen Job im Sex-Gewerbe ausüben, sind eher die Ausnahme. Doch durch die Lockerung des Sexualverhaltens, aber auch aufgrund wachsender finanzieller Schwierigkeiten ist es möglich, dass das Phänomen unter den Studierenden zunehmen könnte.

Darya Starostina und Julia Wolf
Comic: Niklas Horn
Comic: Niklas Horn

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14 Reaktionen zu “Sich prostituieren, um zu studieren”

  1. B.Klocke

    Wenn die Studie unveröffentlicht ist, woher habt Ihr die Informationen?

  2. Julia

    Die Studie, von der hier die Rede ist, stammt von 2006. Sie ist zwar nicht veröffentlicht, jedoch wurde insbesondere in der englischen Presse darüber gesprochen. Darüber haben auch wir unsere Informationen bezogen, die wir dann oben aufgreifen.
    Falls Du weitere Informationen zu dem Thema nachlesen möchtest, findest Du unter diesen Links einige Dinge:
    http://www.timesonline.co.uk/tol/life_and_style/education/student/news/article665019.ece
    oder
    http://education.guardian.co.uk/students/story/0,,652391,00.html

  3. bklocke

    Dankeschön :)

  4. mel

    “Staat treibt Studenten in Prostitution”

    das wär mal ein guter Titel für die Zeitung!
    Und würde für etwas mehr Aufruhr sorgen als Demos

  5. RobbyBln

    Ich, 36m, schlanker, atrraktiver Akademiker aus Berlin, bin ein totaler Verfechter der natürlich: freiwilligen Studentinnen-Prostitution. Habe in diesem Bereich schon viele Erfahrungen und meistens für beide Seiten sehr angenehme Erlebnisse gehabt.
    Ich wundere mich, warum nicht viel mehr junge Frauen diesen Weg des schnellen Geldverdienens gehen, wo doch heute sexualmoralische Schranken überall eingerissen sind. Hängt wohl mit dem negativen Image und irgendwelchen Klischee-Vorstellungen zusammen.
    Dabei gibt es in dieser Branche genauso Auswahlmöglichkeiten wie bei ONS auch. Man kann sich ja nur auf die Partner einlassen, die man attraktiv und sympathisch findet. Der einzige Unterschied bei dieser Art von Sex wäre dann der finanzielle Hintergrund. Die meisten Studentinnen, die ich in Berlin auf diese Weise in den letzten Jahren kennenlernte, reagierten auf meine Anzeige in regionalen Magazinen und Zeitungen. Es waren keine professionellen Frauen, sondern Gelegenheits-Huren mit viel Zeit und auch Freude an der Sache.
    Ich kann diesen Job für eine bestimmte Art von Frauen, die mit Sex ohne Liebe keine Probleme hat, nur weiterempfehlen. Scheint mir interessanter und wesentlich attraktiver zu sein als irgendeinem schlecht bezahlten Nebenjob nachzugehen.
    Robby

  6. vici

    Ich – ehemalige Studentin und Prostituierte kann nur davon abraten, diesen Job zu machen. Weil er immer Konsequenzen mit sich bringt – denn was war, das kann man nicht einfach so hinter sich lassen!

    Jedoch gibt es Situationen, wo “Frau” nicht anders kann – weil sie sonst in eine tiefe Pleite rutschen würde – und in diesen Fällen tun mir die Frauen sehr leid!

    Unsere Bildungspolitik muss sich unbedingt ändern – es kann nicht sein, dass junge Frauen “verschlissen” und “psychisch” erniedrigt werden – weil das ist Prostitution!

    Klar ist auch, lieber Robby, dass Dir eine Frau die diesen Job macht nicht die Wahrheit sagt: Weil die meisten machen es wegen der Kohle und nicht wegen dem “Spaß”!

  7. Robby

    @ Vici. Deine Erfahrung widerspricht meinen Erfahrungen. Allerdings muss man wissen, dass ich nie professionelle Huren getroffen habe, sondern nur Studentinnen, die dieses in der Freizeit hin und wieder machen. Die stellen sich dann nicht an die Straße, sondern suchen sich gezielt attraktive Männer, mit denen Sie sich vergnügen können. Auch DAS gibt es: Frauen, welche die Kombinantion Geld und Sex einfach erregt weshalb man hier schon differenzieren sollte.

  8. Nina

    Ich finde solwas total billig, sowohl die Studentinen die das machen, wie auch die Männer die zu sollchen Frauen gehen. Ich denke es gibt auch andere möglichkeiten sein Geld zu verdienen, die wesentlich niveauvoller sind. Aber wer meint es unbedingt machen zu müssen, soll es ruhig machen, da weiß man wenigstens das sie es freiwillig machen und nicht gezwungen werden, so wie es oft der Fall ist.

  9. Ulrike

    Ich finde, dass man unterscheiden muss zwischen dem Prinzip der Prostitution und dem, was in der Praxis damit lieder meistens verbunden ist. Das Perverse an Prostitution ist doch, dass in der normalen Praxis der Prostitution mit den Leistungen, die Frauen erbringen, Männer, nämlich die Zuhälter, das Geld verdienen, dass Frauen zwangsprostituiert werden, Menschenhandel, hygienische und gesundheitliche Risiken etc. Davon unterscheiden sollte man jedoch das Prinzip an sich, Sex gegen Geld auf dem Markt anzubieten und hier sehe ich eigentlich keinen wesentlichen Unterschied zu dem seither aktzeptierten Prinzip, Arbeitskraft gegen Geld auf dem Markt anzubieten. Entweder man lehnt ab, aus Körpern Kaptital zu schlagen, wofür es sicherlich Argumente gäbe, oder man akzeptiert es – beides.

    In einer marktwirtschaftlich ausgerichteten und liberalen Gesellschaft sollte also an Prositution im Prinzip nichts auszusetzen sein, solange Persönlichkeitsrechte der Prositutierten gewahrt werden und und ihre Benachteiligung ausgeschlossen wird. Gerade das Modell der studentischen Prostitution, bei der Studentinnen auf Anzeigen reagieren, scheint mir hier dem Prinzip einer solchen “Fair-trade-Prostitution” sehr nahe zu kommmen. Denn: Erstens, die Studentinnen wählen diesen Job genauso freiwillig bzw. unfreiwillig wie jeden anderen Job z.b. als Kellnerin oder Fließbandarbeiterin in einer Fabrik. Zweitens, die Mädchen können sich ihre Freier selbst aussuchen und sind nicht gezwungen, mit Männern ins Geschäft zu kommen, die sie abstoßend finden. Drittens, Sie können die Preise für Ihre Dienstleistungen selbst bestimmen und sollten dabei sehr viel Geld verlangen und erhalten die volle Erstattung ohne einen zwischengeschalteten, nutznießenden Zuhälter. Viertens, und das ist auch sehr entscheidend, die Prostitution wird als Nebentätigkeit betrieben, um ein Studium zu finanzieren, das auf lange Sicht für sie eine andere berufliche Perspektive bietet. Ein zentrales Problem vollzeitbeschäftiger Prostiuierter ist nämlich, dass im Alter natürlich die Rendite sinkt und man dann dieser Tätigkeit irgendwann nicht mehr unter menschenwürdigen Bedingungen, d.h. vor gegen sehr gutes Geld, nachgehen kann andererseits jedoch für viele keine Alternative besteht. Bleibt das Problem des gesundheitlichen Risikos. Auch hier könnte und sollte man Vorkehrungen treffen und z.B nur mit Freiern mit negativem HIV-Test in Geschäft kommen.
    Auf Eure Reaktionen bin ich gespannt.

  10. phil

    @Ulrike
    Ich bin ein stetiger “Nutzer” der studentischen Prostitution. Von ca. 5 Studentinnen mit welchen ich mich zum Kennenlernen verabrede (Nur ein gemütliches Essen) kommt es mit lediglich einer jungen Dame zu regelmässigen Sexkontakten über einige Monate bis maximal ein Jahr.

    Meiner Erfahrung nach haben die Damen klar umrissene Ziele und Vorgaben:
    - Gesund bleiben (HIV-Suchtest und HIV-Schnelltest sind die Regel)
    - Finanzielle klar umrissene Ziele
    - Wahrung der Diskretion
    - Möglichst “angenehmer Dienst” (wellnes Weekends / Kurzferien)

    Ich bilde mir ein das meine zahlreichen Gespielinnen ihren “Dienst” in einer Position der Stärke absolvieren.

    Ich möchte die jungen Damen in keiner Woche meines Lebens mehr missen. Fragen beantworte ich gerne auf LoBrit@gmx.ch

  11. Hans-Georg

    Bei allem was recht ist: Dies hier ist keine Kontaktvermittlungsplattform. Wer dahingehend interessiert ist, möge sich doch bitte an die entsprechenden Plattformen im Internet wenden.

  12. John Locke

    Ich kenne einen Fall wo eine Studentin sich prostituieren musste aus finanziellen Gründen, ich habe das dann erfahren, weil ich sie mal traf, eigentlich wollte ich das nicht.

    Sie kommt aus dem Ausland, bekommt kein Bafög und ihre Eltern sind auch nicht in der Lage sie ausreichend finanziell zu unterstützen.

    Ich habe ihr dann, weil sie das gleiche studiert, was ich auch mal studiert habe, zu helfen, auch finanziell und einen Teil ihrer monatlichen Kosten, ohne Gegenleistung jeglicher Art, zu übernehmen.

    Ich finde es einfach eine Sauerei das sich Menschen erniedrigen müssen nur weil sie eine ordentliche Ausbildung wollen.

  13. xD

    Irgendwas machen die StudentINNEN dann falsch … Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man sich sein Studium sehr gut aus Hiwijobs/Werksstudententaetigkeiten finanzieren kann. Was sich als Frage jedoch aufdraengt, ist doch, ob sie das Richtige studieren. Evtl. sollte ich mir wenn ich kein Geld hab nicht gerade Philosophie raussuchen, sondern ein Studium bei dem man aufgrund seiner Qualifikation Geld verdienen kann … Andererseits ist es natuerlich umso ironischer wenn man sich als PhilosophIN prostituiert :-D

  14. Ady

    viele wege führen nach rom

    nur nicht mehr zu bieten hat soll sich halt so geld beschaffen