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Leben zwischen Hochschule und Kinderspielplatz

Leben zwischen Hochschule und KinderspielplatzDie Studienzeit wird im Allgemeinen doch wohl intensivst dazu genutzt, sich vor dem Start ins Berufsleben noch mal so richtig gehen zu lassen. Die Hochschule ist ein Ballungsraum gleichgesinnter Faulpelze und Improvisationskünstler. Denn schließlich meistern wir nebst all der lieben Freizeit ja doch noch unser Studium und den Nebenjob und die Praktika, … Und ein Baby?

Mama, spielst Du mit mir?
Mama, spielst Du mit mir?

Die Sonne strahlt und endlich ist der Frühling angekommen. Zeit, die diversen Gefährte aus allen Ecken der Garage aus zu parken. Es herrscht reger Verkehr auf dem Hof des „Kinderhaus Blumenland“. Da steht man als Erzieherin schon mal gewaltig im Weg. Aber die Kinder haben’s drauf. Die meistern den Bogen um jedes Hindernis herum sogar mit Beifahrer im Dreiradanhänger. Hier in der Adlerstraße können Kinder von Studierenden im Alter von ein bis sechs Jahren unter professioneller Betreuung ihren Tag verbringen. Die Kindertagesstätte ist eine Einrichtung des Studentenwerks. Mamas und Papas sind damit zumindest für einen Teil des Tages entlastet und können sich auf ihr Studium konzentrieren. Sieben Prozent der Karlsruher Studierenden erleben tagtäglich die Doppelbelastung von Studium und mindestens einem Kind. Und man kann sich in Karlsruhe wirklich glücklich schätzen, wenn man für die Kleinen einen Platz in einer Kindertagesstätte ergattern konnte. Kathrin Büttner, die Leiterin des „Kinderhaus Blumenland“ sagt, „Es gibt auf jeden Fall deutlich zu wenig Betreuungsplätze.“. Dieses Problem besteht allerdings nicht nur in Karlsruhe, sondern im gesamten Bundesgebiet.

Timing ist alles

Es wird den studierenden Eltern in vieler Hinsicht nicht leicht gemacht. Frau Büttner erzählt, dass man sich schon bemüht habe, die Öffnungszeiten der Kita an den Beginn der ersten Vorlesung anzupassen. Doch das passt auch nur für Eltern, die in Karlsruhe studieren. Denn das Studentenwerk betreut auch die Hochschulen in Pforzheim. Es gibt also Kinder die jeden Morgen von dort bis nach Karlsruhe gebracht werden müssen. Für deren Eltern ist es kaum möglich, noch pünktlich zum Vorlesungsbeginn an der Hochschule zu sein. Hung (35) kennt die Situation. Der Student ist zweifacher Vater und kommt jeden Tag aus Pforzheim, um seinen zweijährigen Sohn Tim in der Kita abzuliefern. Er sagt: „Wir müssen es so sehen, die Kinderkrippe ist nur eine Beihilfe für uns, damit wir gerade noch so studieren können und ich bin froh um diese Möglichkeit, denn ohne sie müsste ich mein Studium abbrechen.“

Familienfreundliche Hochschule?

Baby auf Schreibtisch unterwegs
Baby auf Schreibtisch unterwegs

Melanie (32) studiert Realschullehramt an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Die Mama von drei Kindern klagt über Blockseminare, die etwa in den Herbstferien ihrer Kinder stattfinden und die sie deshalb nicht wahrnehmen kann. Die studierenden Vollzeit-Mamas und Papas müssen auf dem Weg zum Ziel oft größere Hürden nehmen. Nicht selten gibt es Probleme mit Prüfungsfristen, Abgabeterminen oder Klausuren, die nicht wahrgenommen werden können. Es gilt also die familiären Interessen der Studierenden besser mit dem Studium zu vereinbaren. Zu diesem Zweck hat die berufundfamilie gGmbH das „audit familiengerechte hochschule“ entwickelt. Im August letzten Jahres wurde die PH Karlsruhe mit diesem Zertifikat ausgezeichnet. Die PH verpflichtet sich damit in den nächsten drei Jahren zur besseren Vereinbarkeit von Studium und Familie beizutragen. Hier gibt es, wenn es nach Melanie geht, viel zu tun, denn sie empfindet die PH als „nicht gerade familienfreundlich“. Dies ist nur einer der Gründe, die es ihr schwer machen, das Studium wie geplant in weniger als der Regelstudienzeit ab zu schließen. Umso bemerkenswerter ist es, zu sehen, wie Stress und Müdigkeit aus den Gesichtern der Eltern verschwinden, wenn sie den Hof der Kindertagesstätte betreten, um ihre Kleinen ab zu holen. „Guck mal Tim, wer da ist!“, ruft eine Erzieherin dem kleinen Mann zu. Der dreht gerade eine Runde mit dem Bobbycar, schaut aber sofort erwartungsvoll auf. „Papaa!“ Tim stürmt auf Papa Hung zu, der ihn in den Arm nimmt und ihm liebevoll einen Kuss auf die Wange gibt.

Leben für die Kleinen

„Ehrlich gesagt, die Kinder haben in unserer Familie Vieles durcheinander gebracht. Wir mussten unsere Pläne ändern, unsere Zeit anders gestalten und unsere Gewohnheiten haben sich auch geändert“, erzählt Hung. Morgens ausschlafen ist nicht, denn „die Kinder stehen früher auf als wir und schreien nach uns“, sagt er. Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, da können andere Dinge schon mal auf der Strecke bleiben. Nicht nur, dass weniger Zeit zum Lernen bleibt, auch mit dem studentischen Lotterleben ist es aus und vorbei. Das sind nur zwei Gründe, warum für viele ein Kind während des Studiums nicht in Frage kommt. Dennoch gibt es Studierende, die sich bewusst dafür entscheiden. „Es ist einfacher, jetzt ein Kleinkind zu haben und beim Berufseinstieg ein fast schulpflichtiges Kind“, sagt Mirjam (29). Sie studiert Architektur an der Hochschule in Karlsruhe. Wenn man nach dem Studium erst einmal ein paar Jahre arbeite und sich dann für ein Kind entscheide, bekomme die Karriere fast zwangsläufig einen Knacks, meint sie. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, den Kinderwunsch nach hinten zu verschieben. Wie die meisten Deutschen hält sie sich ab Mitte Dreißig aber schon für viel zu alt für Nachwuchs. Deshalb hat sich Mirjam während des Studiums für Kinder entschieden, so seien sie aus dem Gröbsten raus, wenn sie anfange zu arbeiten.

Kinder – lieb und teuer

Hier gehts zur Gänseblümchengruppe
Hier gehts zur Gänseblümchengruppe

Zeit und mangelnde Betreuungsmöglichkeiten sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, die studentische Eltern haben, denn Kinder kosten auch Geld. Laut Statistischem Bundesamt bis zur Volljährigkeit knapp über 120 000 Euro. Das entspricht im Monat durchschnittlich 549 Euro. Viel Geld für Studierende, die man doch in der Regel ohnehin mit finanziellen Schwierigkeiten assoziiert. Denn Studieren ist teuer. Skripte, Bücher, Kopien, zudem Miete und Lebensunterhalt – die Kosten sind hoch. Zumindest wird man als Studierender mit Kind von Studiengebühren befreit, doch das auch nur bis zum neunten Lebensjahr des Kindes. Dass durch Kinder eine hohe finanzielle Belastung entsteht, weiß auch Melanie. Das Geld, das sie im Monat durch einen Nebenjob verdient, reicht gerade um einen der drei Krippenplätze für ihre Kinder zu bezahlen. BAföG wurde ihr abgelehnt, da sie bereits eine abgeschlossene Ausbildung hat. „Jedes Amt hat andere Berechnungsgrundlagen und macht uns dadurch zusätzlich das Leben schwer“, klagt sie. Die finanzielle Belastung ist für viele studentische Eltern ein Problem. Sie sind auf finanzielle Hilfe wie Elterngeld, Kindergeld, Wohngeld und BAföG angewiesen. Einen erhöhten BAföG-Satz für Studierende mit Kind gibt es bis jetzt noch nicht – er ist aber geplant. Ab dem Wintersemester 2007/08 sollen studierende Eltern ungefähr 110 Euro mehr im Monat bekommen. Die Herausforderungen an Studierende mit Kind sind also auch in finanzieller Hinsicht viel größer als für ihre kinderlosen Kommilitonen.

Ein Plädoyer für Kinder

Es wäre vielleicht untertrieben, zu sagen, Studium und Nachwuchs zu vereinbaren sei nur „nicht so ganz einfach“. Jeder von uns weiß, dass ein Studium an sich schon kompliziert genug sein kann. Hung, Melanie und Mirjam zeigen aber, dass das Hin und Her zwischen Hörsaal, Schreibtisch und Kinderbetreuungseinrichtung zu schaffen ist. Und auch, wenn für die meisten so gut wie alles gegen ein Kind während des Studiums spricht, weiß Hung, dass es auch gute Gründe dafür gibt, denn „Kinder sind etwas Schönes. Sie bringen uns Mut, Glück und Freude.“

Sarah Breuer und Sandra Gäckle

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