frei Schnabel: Mit 20% mehr Geschmack!

Mit meinen zarten 22 Jahren bin ich echt froh, noch kinderlos zu sein. Ich müsste urplötzlich ein Vorbild sein, denn Kinder schauen sich so einiges vom Herrn Papa ab. Zum Schluss endet der Filius womöglich noch so wie sein Vater: Er schreibt für ein Hochschulmagazin und ist zu allem Übel auch noch Student!


Nein, mein Sohn soll lieber etwas Anständiges werden. Vielleicht Eisbär im Zoo oder so. Zum Glück nehmen mir die Massenmedien ja einiges an Verantwortung ab. Die Glotze bildet, und sobald er lesen kann, erledigt das Internet den Rest. Voller Stolz sehe ich der glorreichen Kindheit meines noch fiktiven Sohnes entgegen. Mit neun Jahren wird er besser mit dem Computer umgehen können als sein Vater – da ist Web 2.0 schließlich schon alter Käse. Zum neunten Geburtstag sind blutige Killerspiele im LAN noch das gewesen, was die Augen der Kinder zum Leuchten gebracht hat. Zum Zwölften gibt es von Papi dann den ersten Vollrausch: Flatrate-Party ist der Hit bei jedem Kindergeburtstag, saufen bis der Arzt kommt. Zum 14. Geburtstag gibt es Gruppensex. Das kennen die Kids ja schon lange aus dem Internet. Die ganze Klasse ist natürlich eingeladen, nur Peter nicht. Den finden alle Kinder seltsam. Der geht zum Spielen immer raus in den Park, und das ganz ohne Laptop oder Spielkonsole. Ein Sonderling – klarer Fall von falscher Erziehung.

„Immer früher, immer härter!“ lautet die Maxime … Das Streben nach lokalen Maxima kennen wir schon aus der Werbung: Das Klopapier ist noch weicher, der DSL-Anschluss noch schneller, Waschmittel wäscht noch weißer und auch der Joghurt wird sicher bald noch probiotischer sein. Ein bisschen verarscht komm ich mir ja schon manchmal vor. Was bringt mir zum Beispiel Digital-TV mit über 200 Programmen? Ich kann eh nur einen Kanal gleichzeitig schauen. Natürlich könnte ich etwas anderes aufnehmen. Doch in der Zeit, in der ich dann das Fernsehen aus der Konserve konsumiere, verpasse ich ja wieder irgendetwas Anderes. Die Lösung wäre eine Maschine mit der man zeitsparender Fernsehen gucken könnte: „.zip-TV for the brain“. Hochkomprimierter Fernsehgenuss – ganz ohne Ballaststoffe, Luftleerräume und Redundanz. Das Informationskonzentrat wird dann am besten gleich ohne Umweg per Wireless-LAN in den Kopf geleitet. Viel besser als DVB-T … und DSDS knallt sicher doppelt so gut! Außerdem muss ich mir keinen teuren HD-Fernseher kaufen.

Ich könnte ja behaupten, dass die Medien an allem Schuld sind. Sie verderben die Jugend und versuchen, mein Kaufverhalten zu manipulieren. Medienkritik … doch keine Medienkritik ohne Medium, und so auch keine Medienkritik ohne Manipulation. Falls du jetzt also ohne nachzudenken den Medien etwas kritischer gegenüberstehst: Herzlichen Glückwunsch! Ein weiteres Medienopfer.

Patrick Borgeat

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