Hochschulgruppen: Ein Selbstversuch

Mit der Freizeit- und Kulturlandschaft an der Hochschule verhält es sich wie mit einem Eisberg – der größte Teil befindet sich unter der Oberfläche und bleibt dem Betrachter zunächst verborgen. Wir haben uns für euch ins kalte Wasser gestürzt, um Licht ins Dunkel zu bringen.

AK-5
Die AK-5 auf Alpensegelflug

Der Studierende ist ein außerordentlich geselliges Wesen. In der Freizeit distanziert er sich für gewöhnlich von seinem Arbeitsplatz, um mit Gleichgesinnten Weltanschauungen, Barhocker oder Umkleidekabinen zu teilen. Die Flucht vor dem Alltag und die Suche nach Gleichgesinnten findet häufig im Kreis einer Hochschulgruppe ihre Erfüllung. Dort trifft man auf Studierende, die das Hochschulleben nach ihren Vorstellungen gestalten und damit andere begeistern und zum Mitmachen animieren. So entstehen aktive Interessensgemeinschaften, die andere anbieten, was ihnen selbst einmal an der Hochschule gefehlt hat. Ob beim Unterwasserrugby, bei AEGEE oder bei der akademischen Fliegergruppe – der Identitätsfindung sind keine Grenzen gesetzt.

Sturzflug ins Schwimmbecken

Im Winter basteln die Mitglieder von Akaflieg an ihren Fliegern
Im Winter basteln die Mitglieder
von Akaflieg an ihren Fliegern

Nach einem langen Marsch durch eisige Gefilde treffen wir in der Westhochschule ein. Man empfängt uns freundlich und bittet uns in eine geräumige Werkstatt. Wir sind zu Gast bei der Akademischen Fliegergruppe, kurz „Akaflieg“. Die Gruppe mit dem Motto „Studenten forschen, bauen und fliegen“ existiert seit 1925 als fester Bestandteil des Hochschullebens der Uni Karlsruhe. Seitdem verfolgen technisch Begeisterte und schwindelfreie Studierende den Traum vom Fliegen. Intensive Forschung ließ diesen Traum Wirklichkeit werden. Als Ergebnis dieser Arbeit wäre zum Beispiel das Segelflugzeug AK-8 zu nennen. Die elliptischen Flügelvorderkante des AK-8 ist „lebender“ Beweis des innovativen Potenzials dieser Gruppe. So fand sie schließlich auch in der Industrie Anklang. Diese Lorbeeren sind das Resultat zahlreicher Arbeitsstunden, welche die Studierenden ehrenamtlich ableisten. Das Fliegen steht jedoch an erster Stelle. Jedem Mitglied ist es möglich, eine komplette Ausbildung zum Segelflugpiloten zu bekommen. Im wahrsten Sinne beflügelt, ziehen wir weiter.

Spannende Szene vor dem Tor
Spannende Szene vor dem Tor

Nicht nur in höheren Sphären, sondern auch unterhalb des Meeresspiegels spielt sich ein Teil der studentischen Freizeitkultur ab. Zwar findet das Unterwasserrugby nicht im Getöse wild tobender Wellen statt, aber im heimischen Schwimmbecken geht es allemal hoch her. Seit der Gründung des Unterwasserrugby durch Ludwig von Bersuda im Jahre 1961 bildete sich in Deutschland und in anderen europäischen Ländern bald eine stark ausgeprägte Unterwasserrugby-Kultur aus. Beim Unterwasserrugby geht es darum, einen Ball in den Korb der gegnerischen Mannschaft zu befördern. Die Spieler sind ausgerüstet mit Taucherflossen und einem Schnorchel, mit dem sie ab und an Luft holen. Die Gefahr dabei: Für den mit Salzwasser gefüllten Ball befindet sich „über Wasser“ das Aus.

Angriff auf's Tor!
Angriff auf’s Tor!

Dem Mitmachen und Ausprobieren steht nichts im Wege; Ausrüstung ist zur Genüge vorhanden. So versuchen sich Anfang des Semesters zahlreiche Studierende in diesem außergewöhnlichen Sport, viele bleiben dabei. Die Damen der Nationalmannschaft sind übrigens amtierende Vize-Europameister. Wer also ein bisher verborgenes Talent entdecken möchte, ist bei diesem Sport an der richtigen Adresse.

Musik und Kultur als Heilsbringer

Es gibt viele Möglichkeiten nach einem stressigen Tag an der Uni das Gemüt zur Ruhe kommen zu lassen. Neben technischer Weiterbildung oder sportlichem Engagement, kann auch Spiritualität ein willkommener Ausgleich sein. Um die Seele mit Besinnlichem zu stärken, können Studierende bei der evangelischen studierenden Gemeinde (ESG) im Chor oder in der Band musizieren, Gleichgesinnte treffen und im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt sprechen. „Wir sind eine offene Runde, die für jeden Interessierten offen ist“, erzählt uns Andreas Guthmann, Studierendenpfarrer der ESG. Wir sind zu Gast im Dietrich-Bonhoeffer-Haus und werden zunächst zu einer warmen Mahlzeit eingeladen. Danach nehmen wir Teil am Liederabend. Neben den wöchentlichen Gemeindeabenden, die jeweils mit einer Andacht beginnen werden bei der ESG auch Vorträge, Ausflüge und sonstige Aktivitäten organisiert. In der „Nacht der Lieder“ stehen die Auseinandersetzung mit Gott, das Leben in einer von Krieg und Terror geprägten Welt und der Umgang mit stressigen Phasen des Studiums im Vordergrund. Das alles wird eingebettet in Lieder, welche Angst und Verzweiflung, aber auch Hoffung und Liebe thematisieren. Wahrlich in uns gekehrt machen wir uns also auf den Heimweg.

Das Collegium Musicum bei Konzertproben
Das Collegium Musicum bei
Konzertproben

Der nächste Abend ist dem Collegium Musicum, dem studentische Sinfonieorchester der Uni, gewidmet. Das Collegium zählt ca. 100 Mitglieder, über die Hälfte davon Studierende. Ihr Repertoire reicht von Werken aus der Klassik, der Romantik bis zu Kompositionen der Moderne. Schon auf den Stufen, die zum Gaede-Hörsaal führen, in dem das Orchester heute Abend proben wird, vernehmen wir die ersten dumpfen Töne. Kurz darauf sind wir schon mittendrin im Spektakel. Während der Stimmprobe scheint jedes Instrument ein Eigenleben zu führen. Hier muckt eine Pauke, dort brummelt ein Kontrabass gemütlich vor sich hin. Allmählich kehrt Ordnung ein. Die Musiker begeben sich zu ihren Stühlen. Der Dirigent steht etwas erhöht auf einem Podest vor dem Orchester. „Zum Einstieg Brahms“, kündigt er gut gelaunt an. Im Orchester wird geblättert. Nun sind alle soweit. Der Taktstock geht zum Einsatz in die Höhe und nach und nach füllt sich der Hörsaal mit Musik. Wir lauschen gespannt den dramatischen Wendungen der Musik, die mal leichtfüßig, mal schwermütig ihre Geschichte erzählt. Nach zweieinhalb Stunden sind die Proben vorbei. Dieser Ausflug hat sich gelohnt, so etwas muss man einfach mal mit eigenen Ohren gehört haben.

Europa in Karlsruhe

Nicht nur Sport und Kultur, auch die Auseinandersetzung mit politisch-gesellschaftlichen Themen spielt unter Studierenden eine große Rolle. Ein Beispiel dafür wäre AEGEE-Karlsruhe. Bei unserem Besuch der Mitgliederversammlung, treffen wir auf eine bunt gemischte Gemeinschaft, in der verschiedene Kulturen, Länder und Interessen vertreten sind. Die Karlsruher AEGEE-Gruppe ist eine von 241 Antennen, die auf 40 europäische Länder verteilt sind. AEGEE ist „Association des Etats Généraux des Etudiants de L’Europe“, das „Europäische Studentenforum“. Die Gruppen sind länderübergreifend zusammengefasst. Mit insgesamt 15.000 Mitgliedern ist AEGEE die größte europäische Studentenorganisation. Das Hauptziel AEGEE`s ist die Förderung der europäischen Integration. Um das zu erreichen tritt das europäische Studentenforum für kulturellen Austausch, Frieden und Stabilität, Bildung und aktive Partizipation am politisch-gesellschaftlichen Leben ein. Jede Gruppe trägt ihren Teil dazu bei. Ideale Möglichkeiten kulturellen Austausch persönlich zu erleben, bietet die Summer-University, die AEGEE-Karlsruhe jährlich veranstaltet. Zu diesem Ereignis laden die Karlsruher Mitglieder AEGEE-Kollegen aus ganz Europa ein. Sprachkurse und Workshops bringen die Lebensart im Gastland näher. Dieses Rahmenprogramm schafft den idealen Nährboden für ganz individuellen kulturellen Austausch und die Knüpfung internationaler Freundschaften. Was hier im Kleinen praktiziert wird soll vorbildhaft für die politischen und kulturellen Beziehungen der europäischen Gemeinschaft sein.

Studierenden werden also zahlreiche Möglichkeiten geboten, sich selbst zu entfalten. Ob im kulturellen oder intellektuellen Bereich, auf sportlicher oder politischer Ebene. Und wenn dir was im Angebot fehlt, fang selbst damit an und bereichere damit andere!

Anja Mayer und Frederick Langer

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