frei Schnabel: Das Ausmaß von Studiengebühren

Es hat alles nichts gebracht. Alle Bemühungen waren umsonst. Ein dumpfer Hall am Medienhimmel. Wir haben Petitionen unterschrieben, debattiert und demonstriert … alles umsonst. Wir wurden schlicht überhört … Selbst das Boycottieren flößte den Möchtegerns des Kultusministeriums bis jetzt nicht genügend Schuldgefühle und schlechtes Gewissen ein.


Unser Studenten Schweiß und Blut wird angezapft! Für die einen Töchter und Söhne kein Problem, für die anderen der Weltuntergang, ein Spagat zwischen Knechtschaft und beruflichem Erfolg, ein Leben ohne Verschnaufpause. Ein eisiger Schauer läuft mir über den Rücken! Ich sehe mich in einer kalten Fabrikhalle am Fließband stehen, tagein, tagaus. Die dunkle Vision „Mein Leben mit Studiengebühren“ spielt sich vor meinem inneren Auge ab. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Ich scheine jegliches Zeitgefühl verloren zu haben. Ist es nun morgens oder abends, nachts oder tags? Ich nehme ein Bauteil vom Band links von mir, kontrolliere es und lege es auf das Fließband rechts von mir … und so weiter, achteinhalb Stunden am Tag, Semesterferien für Semesterferien. Sprachen sollen wir auch noch lernen, Praktika absolvieren und uns ehrenamtlich engagieren … Wenn ich nicht arbeite, schlafe ich oder schaue mir mit ausgelaugten Augen leichte Talk-Show-Kost an, da mich alles andere nur überfordern würde. Und für was sind sie eigentlich, diese Gebühren? Für einen neuen Parkplatz oder eine Tiefgarage? Sobald die SemesterFERIEN vorbei sind, muss ich feststellen, dass die Halbwertszeit meines bisher so mühevoll angelernten studentischen Bewusstseins nahe ist. Wie war das nochmal? Kant oder Nietzsche? Ich weiß, dass ich nichts (mehr) weiß, außer, wo rechts und wo links ist, im Schlaf. Abgabetermine rücken in exmatrikulationsgefährdende Nähe. Überhaupt werde ich wohl zu einem Langzeitstudenten mutieren … noch mehr Gebühren … Irgendwann, mit dreißig oder so, werde ich mein Studium beenden und arbeiten. Müßig zahle ich dann meine Bafög- und Bankdarlehen zurück und mit achtunddreißig bin ich vielleicht sogar schuldenfrei! Vielleicht werde ich es mir dann sogar gönnen, zu heiraten, im kleinen Rahmen versteht sich! Schließlich fehlen mir im Gegensatz zu einem Nichtstudenten sage und schreibe mindestens 20 Jahre effektives Rentenersparnisguthaben. Zu allem Überfluss müssen wir uns als Paar nicht nur selbst ernähren, sondern auch noch 1,5 Rentner, vielleicht auch zwei Ganze? Wir sind uns also einig, ein Kind hätte keinerlei Perspektiven mit uns als Eltern und Teil des Deutschland am Leben erhaltenden Minimotors unter 50-jähriger Staatsbürger. Deutschland wird vergreisen und seine Denker und Altenpfleger aus dem Ausland importieren müssen. Und irgendwann werden wir Geschichte sein … wir deutschen Staatsbürger … Ein Blick auf die Überweisung, die ich in der Hand halte, katapultiert mich in die Realität zurück. Empfänger: Boykottkonto. Noch ist es nicht zu spät Deutschland vor seinem Untergang zu bewahren, noch können wir die Wirklichkeit dieses Szenarios verhindern! Wir boykottieren weiter! „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung raubt!“

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