Burschenschaften: Männer unter sich

Ein Männerbund zwischen Tradition und Moderne

Jeder kennt sie oder hat schon einmal von ihnen gehört. Gerade zu Semesterbeginn stoßen viele Erstis bei der Wohnungssuche auf All-Inclusive-Angebote, die sich ausschließlich an männliche Wohnungssuchende richten. Nicht selten locken sie mit Luxusausstattung, Putzfrau und Zentrumsnähe zum Schnäppchenpreis. Doch was verbirgt sich hinter diesen Gemeinschaften? Geht da alles mit rechten Dingen zu? Und was ist das überhaupt? Fragen über Fragen. Eine Recherche.

Männer unter sich
Männer unter sich

Die Geschichte der Verbindungen reicht so weit zurück, wie die der Universitäten. Seit dem Mittelalter organisieren sich Studenten in Gemeinschaften, aus denen unterschiedliche Formen von Verbindungen entstanden. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten sich die ersten Burschenschaften, um gegen die damals vorherrschende Kleinstaaterei im deutschen Reich und für eine demokratisch-liberale Verfassung zu kämpfen. Aus dieser Zeit stammt auch der Wahlspruch „Freiheit, Ehre, Vaterland!“, welcher im Laufe der Zeit unterschiedliche Interpretationen erfuhr.

Wo ursprünglich der Kampf für ein gesamtdeutsches Reich im Vordergrund stand, gewann im 20. Jahrhundert die deutsche Wiedervereinigung an Bedeutung. Heute sprechen sich die Dachverbände „Deutsche Burschenschaft“ und „Neue Deutsche Burschenschaft“ für ein einheitliches Europa mit Selbstbestimmung der Völker aus.

Freiheit, Ehre, Vaterland!

Um unserer Unwissenheit über Männerbünde ein Ende zu bereiten, besuchten wir die „Karlsruher Burschenschaft Teutonia“, die älteste Burschenschaft der Stadt. Wir hofften, auf diese Weise Licht ins Dunkel zu bringen und Informationen aus erster Hand zu bekommen. Uns ist jedoch bewusst, dass „Teutonia“ nicht repräsentativ für alle Burschenschaften steht und hier nur als anschauliches Beispiel dienen soll.

Teutonia Wappen
Wappen der Karlsruher
Burschenschaft Teutonia

Gleich beim Öffnen der Tür fiel uns das rot-schwarze Band mit Goldvorstoß auf, welches die beiden Burschen über ihren Pullovern trugen. Diese Farben, die sogenannte Couleur, steht für die Zusammengehörigkeit und eine lebenslang bestehende Freundschaft unter den Mitgliedern, das so genannte Lebensbundprinzip. Auch Mitglieder, die bereits ihr Studium beendet haben, die „Alten Herren“, nehmen noch am Gemeinschaftsleben teil. Sie sind dazu verpflichtet, die Burschenschaft und ihre Aktiven ihr ganzes Leben lang finanziell zu unterstützen – ein umgekehrter Generationenvertrag. Darüber hinaus entsteht durch die Erfahrung der im Berufsleben stehenden „Alten Herren“ ein Netzwerk, das einen interdisziplinären Wissenstransfer möglich macht, von dem beide Seiten profitieren. In der Burschenschaft „Teutonia“ stehen 20 aktive Burschen 189 „Alten Herren“ gegenüber. Obwohl der Zulauf bei Burschenschaften tendenziell rückläufig ist, kann sich die „Teutonia“ über einen Mangel an Interessenten nicht beklagen. „Im Wintersemester nehmen wir durchschnittlich 6 Studienanfänger auf“, erzählt uns Andrey Berdichevskiy, der Sprecher der Burschenschaft. Was nicht verwundert, wenn man bedenkt, mit welchem Komfort die Burschen verwöhnt werden: Öffentliche Bildungsveranstaltungen, Exkursionen, Feste und der Austausch mit anderen Burschenschaften im In- und Ausland bieten den Mitgliedern die Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern und sich über ihr Studienfach hinaus zu qualifizieren.

Jedoch nehmen diese größtenteils obligatorischen Veranstaltungen auch viel Eigeninitiative und Zeit in Anspruch. Andrey betont jedoch: „Das Studium muss trotz der Pflichten im Gemeinschaftsleben an erster Stelle stehen. Wir wollen alle unser Studium möglichst zügig mit guten Ergebnissen meistern.“ Das Festlegen der Prioritäten kann sich so schnell zu einem Drahtseilakt entwickeln.

Von „Füxen“ und „Alten Herren“

Doch was muss ich tun, um bei einer Burschenschaft aufgenommen zu werden? Als männlicher Student der Universität Karlsruhe erfülle ich schon einmal die ersten wichtigen Voraussetzungen, um Mitglied zu werden. Mit Frauenfeindlichkeit will die Burschenschaft „Teutonia“ aber nichts zu tun haben. Weibliche Gäste sind gern gesehen, jedoch sieht die Tradition keine Aufnahme von Studentinnen vor.

Nach einer ersten Kontaktaufnahme wird der Neue in die Gemeinschaft eingeführt und zuerst einmal beschnuppert. Für das Funktionieren der Burschenschaft ist enorm wichtig, dass ein zukünftiges Mitglied in die Gemeinschaft passt.

Fux
Fuchs mit der Couleur

Einem Einzug zur Probe als „Fux“ steht nun nichts mehr im Wege. Der „Fux“ hat ein Jahr lang die Möglichkeit, sich in die Gruppe zu integrieren, indem er Veranstaltungen besucht und kleine Aufgaben übernimmt, z.B. Einkäufe oder Reparaturen am Haus. Ist die „Probezeit“ abgelaufen, entscheiden die Burschen nach dem Einstimmigkeitsprinzip über die Aufnahme. Wird auch nur eine Gegenstimme laut, muss der Beitritt abgelehnt werden.

Als fakultativ schlagende Burschenschaft erwartet die „Teutonia“ von jedem Mitglied, dass es das studentische Fechten erlernt. Ob man jedoch tatsächlich an einer Mensur teilnimmt, bleibt jedem selbst überlassen. Die Mensur gleicht einem Kampfspiel, bei dem zwei Burschen mit scharfen Waffen gegeneinander fechten. Ernsthafte Verletzungen sind jedoch äußerst selten und auch nicht gewünscht, da es weder einen Sieger noch einen Verlierer geben soll. Ziel des Ganzen ist die Überwindung der eigenen Angst und eine tiefere Identifikation mit der Gemeinschaft. Der Ursprung dieser Tradition wurzelt im ausgehenden Mittelalter, als die Studenten auf ihrem Weg von der Heimat zur Universität leichte Beute für Räuber und Vagabunden waren. Um sich zu verteidigen, trugen sie Waffen und übten in der Gruppe für den Ernstfall.

Sexismus, Militarismus, Rechtsradikalismus

Immer wieder werden Burschenschaften des Sexismus, Militarismus und Rechtsradikalismus bezichtigt. Begünstigt werden diese Vorwürfe durch Burschenschaften, die die gemeinsamen Traditionen in radikaler Weise interpretieren. So berichtete vor kurzem der Spiegel über die Giessener Burschenschaft „Dresdensia Rugia“, in der NPD-Funktionäre zu Gastvorträgen geladen wurden und Kontakte zur rechten Szene bestehen. Ebenso kann die Idee der Mensur leicht missverstanden werden. Unter dem Deckmantel der Tradition des studentischen Fechtens wird Gewalt mancherorts als Mittel zur Konfliktlösung propagiert. Verletzungen und Narben werden mit Stolz getragen und als Symbole für Männlichkeit betrachtet. Doch wie anfangs erwähnt dürfen nicht alle Burschenschaften über einen Kamm geschert werden, da jede Gruppe die Regeln und Prinzipien auf andere Weise umsetzt. Gerade diese Offenheit birgt die Gefahr einer extremen Auslegung. Andererseits erlaubt sie auch einen flexiblen Umgang mit politisch-gesellschaftlichen Veränderungen. „Interessierte sind bei Vorträgen oder Festen in der Burschenschaft „Teutonia“ gern gesehen und herzlich eingeladen“, betonte Andrey Berdichevskiy. Denn wie so oft im Leben sollte man sich zuerst eine eigene Meinung bilden, anstatt auf Vorurteile zu vertrauen und aufgrund dessen eine Sache von vorneherein abzulehnen.

Anja Ullmann, Christiane Stork
Comic
Comic: Niklas Horn

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

9 Reaktionen zu “Burschenschaften: Männer unter sich”

  1. fifi

    ein fairer artikel, der ein recht gutes bild von einer verbindung zeichnet, und auch die kritischen punkte nicht auslässt, herzlichen glückwunsch dazu.

    was ich leider nicht ganz verstehe, ist das comic, das zu dem objektiven bericht irgendwie in einem deutlichen widerspruch steht. denn in dem text wurde ja gerade nicht das stereortyp des saufenden, fechtenden und faulen studentens bedient. da wirkt der comic so ein wenig nachgetreten im sinne “wir haben zwar nix dergleichen vorgefunden, das klischee will aber trotzdem bedient werden”.

    vielleicht hatte man aber auch nur kein anderes bildmaterial zum auffüllen mehr da. wäre trotzdem schade.

  2. christoph

    das heißt nicht umsonst “comic”.

  3. Florian

    Erfreulich, dass in einem Hochschulmagazin auch einmal über Studentenverbindungen berichtet wird – zumal es in Karlsruhe an die 30 Verbindungen gibt. Allerdings nehme ich auch zur Kenntnis, dass hier die Vielfalt der Verbindungen und deren unterschiedliche Ausrichtungen nahezu unerwähnt bleiben. Es wird leider wieder einmal die “Burschenschaft” als Synonym für eine Studentenverbindung herangezogen. Um dem geneigten Leser eine Übersicht zu geben, empfehle ich folgende Seite:
    http://www.cousin.de

    Mit besten Grüßen an die Autorinnen

  4. Fiona

    Naja, Der Artikel ist gut geschrieben, übersieht aber, dass die Realität in Burschenschaften oft anders aussieht.
    Zum Einen werden laut Satzung nicht nur keine Frauen, sondern auch keine Ausländer aufgenommen – nur wer “deutsch” ist, gehört dazu. Ob das modern ist, darf doch stark bezweifelt werden.
    Zum Anderen: Sicher profitieren die Burschen oftmals von den guten Beziehungen der alten Herren. Dass das Studium an erster Stelle steht, ist meist Fiktion. Viele Mitglieder solcher Verbindungen sind echte Langzeitstudenten, die ihre Abende mit Wett-Trinken (“Bierjungen”) und Besuchen bei anderen Verbindungen verbringen. Nichts gegen Langzeitstudenten, aber das zügige Studium sollte man sich abschminken, wenn man dort eintritt. Sollte deshalb vonseiten der Burschenschaften auch nicht so propagiert werden.
    Mit besten Grüßen

  5. Christiane

    Hallo zusammen.

    Da ich eine der Autorinnen bin, habe ich eure Kritik mit Interesse verfolgt.
    Uns ist natürlich bewusst, dass es sich um ein kontroverses Thema handelt und dass wir mit negativer Kritik rechnen mussten, egal, was wir schreiben.
    Im Vorfeld haben wir uns lange mit der Thematik befasst. Wir wollten gerade nicht erreichen, dass Burschenschaften als Synonym für Verbindungen betrachtet werden. Ursprünglich hatten wir vor, den Artikel über Verbindungen im Allgemeinen zu schreiben, haben dann allerdings bemerkt, dass die Vielfalt der Gruppierungen auf dem uns zur Verfügung stehenden Raum nicht angemessen darzustellen ist. Deshalb haben wir uns eben auf die Untergruppe “Burschenschaft” beschränkt.
    Da jedoch auch innerhalb der Burschenschaften sehr unterschiedliche Ansichten und Gepflogenheiten vorherrschen, beschlossen wir, die Karlsruher Burschenschaft “Teutonia” herauszugreifen und beispielhaft zu beschreiben.
    Was für die KBT gilt, kann sicher nicht auf alle Burschenschaften in Karlsruhe oder dem Rest von Deutschland übertragen werden.
    Eigentlich wollten wir nur einen Einblick in einen eher unbekannten Teil der Karlsruher Hochschulkultur geben (was ja unser Hauptthema war), weniger generell ein Urteil über Burschenschaften abgeben.
    Trotzdem stehen wir natürlich hinter unserem Artikel und hoffen, dass er euch ein paar neue Einblicke gebracht oder zumindest gut unterhalten hat. Und es ist natürlich ein Thema, über das man diskutieren kann und soll.

    Viele Grüße

  6. K1ll13R

    Liebe Autoren,

    da ich erst jetzt auf euren Artikel gestoßen bin, jedoch im Moment über einen Besuch bei der KB Teutonia nachdenke und noch nicht weiß, was ich davon halten soll, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir einige persönliche Eindrücke, speziell zu dieser Verbindung vermitteln könntet.

    Vielen Dank

  7. Hendrik

    Glückwunsch! Ein sehr schöner Artikel, der durchaus differenziert das Phänomen Burschenschaft beleuchtet. Manchmal würde man sich mehr solcher Artikel wünschen, die so differenziert recherchiert und vorallem auch mit persönlichen Erfahrungen geschrieben sind. Alles Gute!

  8. Krby

    Dieses Lebensbundprinzip zwingt niemanden als Alten Herren, später für die Aktiven aufzukommen. Das ist ein reines Versprechen und kein juristischer Vertrag, der geschlossen wird. Das bekommen viele in den falschen Hals.

    Und was so gut wie nie erwähnt wird:
    Die Leute treten zu 99% nicht einer Verbindung bei, weil sie günstig wohnen wollen, sondern weil das Verbindungsleben super lustig ist. Glaubt es mir!

  9. Josefina Joo Chang

    Ja ich glaube unabhängig von Nationalität, wichtige sind die werte , die Jemand hat und lebensformen, die man nehmen will, zur Zeit es ist war Frauen haben sich auch sehr entwickelt und einiges erreich, aber müssen wir auch aceptieren wir brauchen die soidarität der anderpartner,eben ich persönlich als Mutter finde auch gut wenn meines Söhnen als miglieder zu die KBT werden möchten, ich denke und glaube auch die unterstützung von Männer zu männer muss sich geben so wie von Frauen zu Frauen.

Einen Kommentar schreiben