Mit anderen Augen

Ausländische Studenten erleben Deutschland
Wir alle haben unsere ganz eigenen Ansichten und Vorstellungen bezüglich fremder Kulturen. Manche denken bei Spanien zuallererst an köstliche Paella und Sangria. Anderen fällt spontan die spanische Lebensfreude und Ausgelassenheit ein. Nicht immer sind diese Bilder positiver Natur. So kursieren ebenso Bilder vom aufdringlichen Latin-Lover und mangelnder Disziplin der Spanier.


Die entsprechenden Klischees im Ausland über uns Deutsche sind uns mehr oder weniger bekannt. Streng sind wir und ordentlich und trinken vor allem jeden Tag Bier, oft schon zum Frühstück. Wie in jedem Fall ist auch das nur die halbe Wahrheit. Oscar aus Mexico und Steve aus England geben einige ihrer Eindrücke wider, die ganz unterschiedlich ausfallen.

Steve
Jubeln für Karlsruhe:
Steve und seine Freunde genießen
ihre Zeit in Deutschland

„Am besten ist ein Weißwurstfrühstück“, sagt Steve, Student der Elektrotechnik im dritten Semester. Der 21-Jährige aus Southhampton lebt seit drei Monaten in Karlsruhe. In dieser Zeit hat er die Besonderheiten der deutschen Kultur schätzen gelernt. „Es ist unglaublich, wie lange Partys hier dauern können“, zeigt er sich vom Nachtleben begeistert. In England schließen Kneipen und Bars, ähnlich wie bei uns, spätestens um 2 Uhr. Aber auch private WG-Feiern und Studentenpartys an der Uni enden selten nach 3 Uhr. „In Karlsruhe wird bis frühmorgens um fünf oder länger gefeiert“, so Steve. Er hat den Eindruck, dass Vieles in Deutschland billiger als in England ist. „Egal ob ich ein Bier trinken möchte oder mit dem Baden-Württemberg-Ticket die Gegend erkunden will, alles ist für studentische Finanzen erschwinglich“.

Steve 2

Auch die deutsche Architektur hat es ihm angetan. Die Vielfalt der Häuser in Farben und Formen, darunter viele Kirchen und natürlich das Schloss machen für ihn den Charme Karlsruhes aus. Mit einem hätte Steve allerdings nicht gerechnet: dass junge Deutsche so altmodisch sein können. Altmodisch? „In England krempeln nur ältere Herren ihre Hosen um. Hier tun das Studenten“, stellt er schmunzelnd fest. Sein Kommentar zur deutschen Bürokratie fällt ernüchternd aus: „Die Deutschen mögen anscheinend viel Papier!“

Oscar kommt ursprünglich aus Mexico City und lebt nun seit zwei Jahren in Karlsruhe. Er hat gerade seine Diplomarbeit im Bereich Nachrichtensysteme beendet. Anders als Steve hatte er anfangs Schwierigkeiten, sich an die deutsche Lebensart zu gewöhnen. „Hier hat alles eine genaue Struktur, die Deutschen bewegen sich im Quadrat“, so erzählt er von seinem ersten Eindruck von Karlsruhe. „Ich wollte mehr Freiheit haben. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, warum Regeln und Vorschriften so sein müssen, dass es funktioniert“ sagt Oskar. Von Mexico war er chaotische Verhältnisse und eine lockere Einstellung der Leute gewöhnt.

Oscar
Nach zwei Jahren in Deutschland
vermisst Oscar die Sonne Mexikos

„Wie mir das Essen fehlt“ seufzt er. „Man merkt, dass in Deutschland viel an Gemüse und Obst importiert wird. Die Gerichte haben einfach nicht den gleichen Geschmack wie in meiner Heimat.“ Für ihn war es überraschend zu sehen, dass die meisten Studenten in WGs oder Studentenheimen wohnen. In Mexico bleibt der Großteil der Studierenden zu Hause bei den Eltern, weil das die billigste Alternative ist. Gut findet er, dass sich deutsche Studenten so vielseitig engagieren, sei es in Hochschulgruppen oder Vereinen. Steve kann zwischen englischem und deutschem Studentenleben keine großen Differenzen feststellen. „Das Unileben ist das gleiche wie in England. Du gehst in die Vorlesung und es gibt Leute, die sehr konzentriert sind und andere, die schlafen. Das macht keinen Unterschied“ sagt er. In einem sind sich Oscar und Steve einig: die Öffnungszeiten deutscher Läden lassen einiges zu wünschen übrig. Keinen geöffneten Supermarkt nach acht Uhr abends oder sonntags zu finden, sind sie nicht gewöhnt. „Einmal hatte ich sonntags nichts mehr zu essen und wollte einkaufen gehen“, erinnert sich Steve. „Da habe ich erst gemerkt, dass sonntags alles geschlossen ist! Übrig blieb da nur die Tankstelle.“

Verschiedene Kulturen – verschiedene Sichtweisen auf Deutschland. Während Oscar aus Mexico ein bisschen Lockerheit bei den Deutschen vermisst, ist der Engländer Steve von den ausgelassenen Partys begeistert. Doch auch wenn sich ihre Eindrücke von der deutschen Kultur deutlich unterscheiden, eines ist gewiss: Weder Steve noch Oscar bereuen ihren Entschluss, für eine gewisse Zeit in Deutschland zu leben. Wo sonst fließt das Bier in Strömen?

Yvonne Ebner

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