frei Schnabel: Wenn einer eine Reise macht …

… dann kann er bekanntlich was erleben. Das gilt natürlich auch für etwas längerfristige Unternehmungen, wie beispielsweise den studienbedingten Umzug in eine andere Stadt, so wie in meinem Fall. Denn um Kulturschock und Sprachbarriere zu erleben, muss man nicht in die Ferne schweifen.

Dass Schwaben und Badener nicht die allerbesten Freunde sind, wurde mir spätestens dann bewusst, als ein Bekannter mit pikiertem Gesichtsausdruck bemerkte, ich wäre jetzt also eine von denen. Ein Badenser. Ein Gelbfüßler. Wobei mir letztere Bezeichnung bis heute nicht einleuchtet, denn in Karlsruhe ist mir noch nie ein gelbbefußter badischer Ureinwohner untergekommen. Natürlich muss bedacht werden, dass der schwäbische Fuß von den Fußspitzen bis zur Hüfte reicht – so etwas wie Beine ist im Ländle unbekannt. Doch nach meinen bisherigen Beobachtungen kann man durchaus nicht sagen, dass die-gelbe-Hosen-tragende-Bevölkerung in Baden eine Mehrheit wäre. Das Einzige, was man in Karlsruhe tatsächlich als ziemlich gelb bezeichnen kann, ist das riesige Schild an der Autobahnausfahrt. Der Spruch „viel vor. viel dahinter.“ kann einen dann aber doch sehr verwirren. Nicht, dass er schlechter wäre als der meiner Heimatstadt: Ich shop’ Barock ist nicht gerade oskarverdächtig … Doch hinter dem Schild gibt es nichts – was die vorderseitige Beschriftung Lügen straft. Aber vielleicht sollte man das alles nicht zu wörtlich nehmen.

Als Schwabe wird man in Baden gern belächelt, vor allem wegen des Dialekts. Aber mal ganz im Vertrauen: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit linguistischen Geschossen um sich werfen. Weder Schtuagert noch Kallsruuh sind Hochburgen der Schriftsprache, was die Welt nicht erst seit Jürgen Klinsmann weiß. Den Witz des Satzes, den der SWR unserem Ex-Nationaltrainer in den Mund gelegt hat, verstehe ich übrigens bis heute nicht. Mir sen die wo gwinne wellet. Nach der schwäbischen Syntax ein absolut korrekter Satz, der dazu noch das schwäbische Universalpronomen wo verwendet!

Richtig schwierig wurde es für mich erst, als ich feststellen musste, dass ganze Wörter in meiner neuen Heimat eine völlig andere Bedeutung haben. Zum Beispiel das Wörtchen schlau, das im Schwäbischen soviel wie gewieft oder clever bedeutet und allenfalls noch in der Abwandlung Schlaule existiert, was ungefähr soviel wie Klugscheißer heißt und damit nicht gerade als Kompliment zu werten ist. Ganz anders im badischen Sprachgebrauch: hier spricht man von schlau im Sinne von süß oder niedlich, also zum Beispiel ein schlaues Kind. Doch als tapferer Schwabe habe ich mich bisher von solchen Umstellungen nicht beeindrucken lassen, im Gegenteil: ich fühl mich in meinem badischen Exil sauwohl. Also hoch die Tassen. Auf Kallsruuh!

Anne Mandel

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