Studenten verkennen ihre Macht

Interview mit Boris Bartenstein, Vorsitzender der UStA der Universität Karlsruhe zum Thema Studiengebührenboykott.


Warum war deiner Meinung nach die Beteiligung bei der Vollversammlung so hoch?

Darüber waren wir selbst überrascht. Letztlich lag es daran, dass es um 500 Euro geht. Das sind „monatlich 1/3 mehr Mietkosten“ für jeden Student. Studis, die die Gebühren selbst bezahlen müssen oder wollen, da sie ihre Eltern nicht verpflichten möchten, müssen daher mehr arbeiten. Normalerweise arbeitet man für den persönlichen Bedarf und nicht um es zu verschenken. Des Weiteren haben das Ministerium und die Universität viel zu wenig Informationen über die Verwendung der Studiengebühren herausgegeben. Studierende haben also keine Ahnung was mit dem Geld passiert. Sie sehen nur, dass sie nach wie vor in überfüllten Hörsälen sitzen.

Wie schätzt du die Chancen für den Boykott ein?

Ich muss gestehen, es wird schwierig. Persönlich schätze ich es aber eher positiv ein. Schwierig deshalb, weil wir alle Studenten erreichen müssen. Wir sind keine kleine Uni und besitzen keine zentralisierte Informationseinheit wie einen E-Mail-Verteiler. Daher müssen wir erstmal 18000 Studis erreichen. Über Fachschaften, aber auch über externe Werbung durch Medien oder Plakate innerhalb Karlsruhe. Tendenziell sehe ich, dass die Hälfte gegen Studiengebühren sind und auch am Boykott teilnehmen werden.

Boris Bartenstein

Welche Sicherheit gibt es für die Teilnehmer?

Wenn das Quorum nicht zustande kommt ergeben sich überhaupt keine Probleme, da wir das Geld direkt an die Unikasse weitervermitteln. Das wurde mit der Verwaltung abgeklärt. Die Sicherheit, nachdem das Quorum erreicht ist, besteht in der Masse an Teilnehmer, 27% aller Studis in Karlsruhe. Bei deren Rauswurf hätte man viele neue Hartz4-Empfänger. Die Universität selbst hätte Verluste an Lehr- und Forschungsgelder. Hiwi-Jobs müssten abgeben werden, woraus sich zusätzlich Probleme im Lehr- oder Forschungsbetrieb ergeben. Eine Universität ist für Forschung und Lehre da und eine Universität ohne Studenten wird es nie geben, denn dann bräuchte man sie ja auch nicht. Studenten verkennen meist wie viel Macht sie an der Universität besitzen.

Stimmen lassen verlauten, dass trotz eines erfolgreichen Boykotts dennoch eine Exmatrikulation erfolgt und andere dafür nachrücken.

Das mit den Nachrückern stimmt nur zum kleinsten Teil. Natürlich gibt es in Geoökologie Nachrücker, da es nur 40 Studienplätze gibt. Bei Maschinenbau, Elektrotechnik etc. würde man eigentlich gerne noch mehr Studenten aufnehmen. Es existieren keine Nachrücker. Die Zahlen stiegen in den letzten drei Jahren von 450 auf 770 Anfänger. Die Aussage dient zur Verunsicherung, eine hohle Phrase. Was Frankenberg vergisst, ist das wir gerade Lobbyarbeit für die Universität leisten. Wir fordern das, was Universitäten schon seit langem fordern, nämlich mehr frei verfügbares Geld. Es ist schade, dass Rektor und Kanzler dies nicht sehen und sich hinter uns stellen mit der Forderung nach einer ernsthaften Finanzierung vom Land.

Nach erfolgreichem Boykott und anschließenden Verhandlungen, zeigt sich die Studierendenschaft kompromissbereit.

Die Universität hat viel zu wenig Geld. Nächstes Jahr müsste sie 5 Millionen mehr für Energiekosten aufwenden und ein Gebäudemissstand von 300 Millionen existiert. Die Einnahmen durch Studiengebühren sind Peanuts, Kompromissbereitschaft also schwachsinnig. Man sieht, dass das Land Baden-Württemberg seine Verantwortung in punkto Haushalt an die Universitäten abschieben möchte.

Yvonne Krieger

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