Berufsziel Kunst: Summa cum Risiko

Die Berufsaussichten für Geistes- und Sozialwissenschaftler, Musiker und Künstler stehen schlecht. Dennoch: Allein in Karlsruhe gibt es vier Hochschulen, an denen die angehenden Hartz-IV-Empfänger ausgebildet werden. Das verwundert, zeigt aber auch, dass es sich lohnen kann, seinen Träumen nachzujagen.

Wer einen Blick auf die ehemals satten Wiesen der Berufsfelder wirft, bekommt heutzutage eher einen kargen Acker zu Gesicht. Der Ausblick ist trübe am Jobhorizont dumpf hallen die Klagelaute einer Generation Praktikum in den Ohren der zukünftigen Studienabsolventen nach. Ein Studienfach, das eine sichere Anstellung gewährleistet, scheint für viele die beste Investition in die Zukunft zu sein. Dennoch gibt es noch Wagemutige, die aus Leidenschaft studieren. Unverdrossene Studis, die auf das Sicherheitsdenken pfeifen und mutig dem zukünftigen Taxifahren oder Aushilfskellnern trotzen. Die alles riskieren, um ihr eher unkonventionelles Berufsziel zu erreichen, und denen bei einem Misserfolg nur „Selbstmord, Antidepressiva und Psychiatrie“ bleiben, wie Frederik Busch scherzhaft in einem Interview bemerkt.

Geistige Rettungsinseln

Frederik Busch ist 32 Jahre alt und studiert Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Er hegt dabei jedoch keinesfalls den außergewöhnlichen Berufswunsch, Künstler zu werden, sondern übt diesen bereits aus. Denn Künstler kann man nicht werden. Man ist dazu geboren.

Frederik Busch
Frederik Busch (32)

Aufgewachsen in einem katholischen Internat im Schwarzwald und den Südstaaten der USA, kommt Frederik recht früh zur Kunst. Diese verkörpert für ihn häufig die einzige geistige und emotionale Rettungsinsel in einem Meer voller konservativer Restriktionen. „Es gab für mich einen fließenden Übergang vom kindlichen Spielen zur künstlerischen Arbeit“, stellt er dabei rückblickend fest. Bereits mit zwölf entdeckt er die Fotografie für sich. Nachdem er bei einem Breakdance-Wettbewerb eine Kamera gewinnt, steht ihm diese fortan als treuer Wegbegleiter bei seinen ersten fotografischen Gehversuchen zur Seite.
Dass sich in seinem späteren Leben einmal alles um Kunst drehen würde, ist dem ambitionierten Künstler mit etwa 16 Jahren klar, als er seinem Vater mitteilt, den vorgesehenen Weg in die Zukunft nicht einzuschlagen und sich gegen eine Anstellung in dessen Firma entscheidet. „Die Initialzündung war aber die Begegnung mit den Arbeiten von Diane Arbus. Ihre Fotografien haben mich so sehr berührt, dass mir klar wurde: Ich muss jetzt erst mal ein paar Jahre lang fotografieren“, so der Kunststudent. Als er auf das Werk der amerikanischen Fotografin trifft, das vom Surrealen, Kranken und Abstoßenden handelt und häufig Außenseiter wie Transsexuelle oder körperlich Behinderte beinhaltet, hat Frederik bereits ein abgebrochenes Schauspielstudium an der Universität der Künste in Berlin hinter sich.

Der Versuch, Gott zu sein

Die Jagd nach dem vermeintlich perfekten Augenblick ist es jedoch nicht, was den Zweiunddreißigjährigen beschäftigt. 2005 erstellt er mit seinem Kollegen Philipp Rosenbeck das Video „SO SEIN“, das im Heidelberger Kunstverein, im Kunstverein Kopenhagen, in Seoul, Tirana und Budapest zu sehen ist. Mit Philipp arbeitet er stets an der Entwicklung neuer Figuren für Film- und Videoprojekte, in welchen er ab und an auch als Schauspieler auftritt und seine Erfahrungen aus der Berliner Zeit einbringt. Frederik ist ein Künstler, der vielfältig ist und dies auch zeigt. Obwohl er mit einer Fotoserie über schwule Skinheads – die Bezüge zu Diane Arbus sind kaum zu übersehen – 2004 im Magazin der Süddeutschen Zeitung publiziert und so einem breiteren Publikum bekannt wurde, lässt er sich nicht auf die Fotografie beschränken. „Ich begreife mich ohnehin nicht als Schauspieler oder Fotograf oder Medienkünstler, sondern einfach als Künstler. Das bedeutet, dass es komplett egal ist, mit welchem Medium ich arbeite. Was ich mache, ist Kunst! Dabei ist es für mich wichtig, etwas auf die Welt zu bringen, also etwas zu schaffen, das es so noch nicht gegeben hat. Es ist wie der Versuch, Gott zu sein“, stellt er lachend dazu fest. Das klingt leicht arrogant, läuft durch seinen ironischen Ton jedoch nie Gefahr, in Überheblichkeit abzudriften. Er hat sich viel Humor bewahrt und sieht die Kunst recht bodenständig. Wenn ihn Fremde um sein Studium beneiden, legt sich seine Stirn meist in Falten. „Warum ist es denn interessanter, wenn jemand Künstler ist, als wenn jemand Metzger ist?“, raunzt er einem verdutzt entgegen. „Wichtig ist doch, dass möglichst viele Menschen zufrieden mit ihrem Beruf sind, ihn engagiert und gerne ausüben und ihren Lebensunterhalt verdienen können.“

Dass es dem Metzger dabei etwas besser ergehen könnte, ist auch Frederik bewusst. Die Chancen eines Kunststudenten, auf dem freien Markt Fuß zu fassen, schätzt er ganz nüchtern auf drei Prozent. Sein Ehrgeiz lässt ihn jedoch hoffen, die Aussichten an der Erfolgsschraube etwas anziehen zu können. Er ist bereit für das Risiko. Ist mit 26 Jahren noch einmal das Wagnis eingegangen, ein neues Studium zu beginnen, was viele sicher scheuen würden. Für ihn ist es jedoch die richtige Entscheidung, die letzte Möglichkeit, endlich das zu tun, was er schon immer machen wollte. Denn Kunst ist Frederik Buschs Berufung und seine Arbeiten sind seine Babys. „Sie sind das, was von mir auf diesem Planeten bleibt, wenn wir alle gehen.“

Falk Straub

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