Vom Comeback der deutschen Exzellenz

Das deutsche Hochschulsystem verlangt nach einer Grunderneuerung, die durch die Exzellenzinitiative vorangetrieben wird. Spitzenuniversitäten werden gezielt gefördert, um die Wirkungsstätte der Einsteins des neuen Jahrtausends zu werden und mit den Harvards dieser Welt zu konkurrieren. Ein Einblick in die Hochschulpolitik.

Es war einmal vor langer Zeit, in einem Land, das als Heimat der Dichter und Denker, der Forscher und Erfinder bekannt war. Es lebten dort viele Wissenschaftler, die mit ihren Innovationen die Welt veränderten … Vom 19. Jahrhundert bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts erlebte die deutsche Wissenschaft eine Blütezeit. Forscher wie Hertz, Röntgen, Planck und Einstein, machten Deutschland zur Erfindernation. Ihre Ideen haben unser aller Leben maßgeblich beeinflusst und beeinflussen es noch heute.

0612_eliteeinstein.jpg

Wer es in der Wissenschaft zu etwas bringen wollte, musste eine Zeit lang in einem deutschen Labor geforscht und in einem deutschen Hörsaal gelernt haben. Das Hochschulsystem vereinte Forschung und Lehre, nach dem Konzept von Wilhelm von Humboldt. Einst kopierten andere Nationen unser System, heute haben sie uns überholt.

Schwere Kost im Stehen

Die deutschen Hochschulen sind seit Jahrzehnten unterfinanziert. Zur Verfügung stehende Mittel reichen nicht aus, um den Studierenden die bestmöglichen Vorraussetzungen zu bieten. Stattdessen: überfüllte Hörsäle und Computerräume, Raummangel, sowie Seminare mit über hundert Teilnehmern. Mal ehrlich: wer hört sich gerne eine Vorlesung über die „Makroökonomische Theorie und deren wirtschaftspolitische Anwendungen“ im Stehen an – und das geschlagene 90 Minuten? In Deutschland betreut ein Professor 80-200 Studenten. Die Förderung besonders Begabter oder Hilfsbedürftiger kommt dabei zu kurz. In manchen Fällen reichen die zur Verfügung stehenden Mittel nicht einmal mehr zum Unterhalt vorhandener Geräte, geschweige denn für Ersatzbeschaffungen. Kein Wunder, dass es die Nachwuchsforscher ins Ausland zieht, wo sie unter weit besseren Studienbedingungen zu Spitzenwissenschaftlern werden können.

Wake up, stand up, brain up!

So kam denn der Tag, an dem die Bundesregierung beschloss aktiv zu werden. Unter dem skurrilen Titel „Brain Up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversität“ wurde ein Wettbewerb zur Ermittlung der besten deutschen Hochschulen gestartet. Die damalige Bundesministerin für Forschung und Bildung Edelgard Bulmahn hatte die „Castingshow“ ins Leben gerufen, die dem Gewinner zwar keinen Plattenvertrag bringt, dafür aber das Privileg, sich offiziell Eliteuniversität nennen zu dürfen – natürlich nicht zu vergessen, die rund 21 Millionen Forschungsgelder jährlich.
Mit dem Wort „Elite“ aber tat man sich schwer, denn bis jetzt galt: ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss; ganz egal von wo. Und so wurde aus „Elite“ „Exzellenz“ und die „Exzellenzinitiative“ ward geboren.
Am 23. Juni 2005 einigten sich Bund und Länder. Der Förderung von Wissenschaft und Forschung stand damit nichts mehr im Wege. In den Jahren 2006 bis 2011 stehen insgesamt 1,9 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Mittel verteilen sich auf drei Förderlinien: Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte. In einem „Zukunftskonzept“ sollte jede Universität darstellen, wie sie ihre international herausragenden Bereiche nachhaltig realisieren und entwickeln will, um sich als Institution im internationalen Wettbewerb in der Spitzengruppe zu etablieren.

Nur wer drei Richtige hat, also in jeder Förderlinie überzeugen kann, dem winkt der Hauptgewinn von mehr als 100 Millionen Euro, der über einen Zeitraum von fünf Jahren ausbezahlt wird. Der Gewinner wurde aber nicht wie bei einem Glücksspiel ausgelost, sondern durch ein mehrstufiges Verfahren auserkoren.

Ein 26-köpfiges Wissenschaftsgremium, bestehend aus unabhängigen Forschern aus aller Welt, präsentierte Anfang 2006 eine erste Auswahl viel versprechender Konzepte. Beim Kampf um den Titel „Eliteuniversität“ waren zu diesem Zeitpunkt noch zehn Universitäten im Rennen. Nach genauer Prüfung der Anträge und jeweils zweitägigen Begehungen, in denen jede Uni ihre „Mission and Vision“ genauer darlegte, wurde im Bewilligungsausschuss entschieden.

Millionen haben Südgefälle

Im ganzen Land ward nun bekannt, wer sich fortan „Elite“ nennen darf. Freitag der 13. (Oktober 2006) war der Tag welcher über Glück oder Unglück in der ersten Runde der Exzellenzinitiative entschieden hatte. Ein Glücksdatum seitdem für den Süden. Mit den beiden Münchnern: der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität (TU) gelang der Sprung an die Spitze Deutschlands. Die Beste im Südwesten: die Fridericiana zu Karlsruhe. Die „School of Optics and Photonics“, das DFG-Centrum für Funktionelle Nanostrukturen, sowie ein Zukunftskonzept, dessen Kernbereich die Gründung des „Karlsruher Instituts für Technologie“ (KIT) zusammen mit dem Forschungszentrum Karlsruhe darstellt, sicherten ihren Elitestatus.

0612_eliteuni.jpg

Entgegen anfänglicher Befürchtungen blieben regionalpolitische Aspekte beim Wettbewerb um die Exzellenz völlig außen vor. Die Millionen haben eindeutig Südgefälle. Die LMU sackt alleine mehr Fördergelder ein, als das hochschulreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Der Osten geht fast völlig leer aus. Die Entscheidungen waren die unpolitischsten, die man hätte treffen können. Entscheidungen zu Gunsten der Wissenschaft, gefällt von der Wissenschaft.

Der Vergleich hinkt

Seit dem Aufblühen des Begriffs „Eliteuniversität“ in Deutschland begannen Skeptiker damit, Vergleiche zu den bekannten Vorreitern vor allem aus den USA zu ziehen. Harvard, Stanford und Yale – das seien schließlich die Namen, die einem beim Thema Elite auf der Zunge lägen. Und denen könne Deutschland nicht einmal bei Hochwasser die gefüllten Eimer reichen. Doch wer hatte behauptet, dass diese ohne Zweifel hochrangigen Namen das Maß der Dinge stellen? Karlsruhes Rektor Prof. Dr. Horst Hippler jedenfalls weiß, dass sich die Fridericiana nicht mit den großen Brüdern messen kann. Sein Ziel ist ein anderes: die europäische Spitze, an der zum Beispiel die ETH Zürich steht. Diese kann durchaus erreicht werden. Und hat bei der ganzen Diskussion eigentlich irgendwer bedacht, dass man in den USA an privaten Universitäten im Jahr zwischen 25 000 und 35 000 Dollar an Studiengebühren hinblättern muss, in Deutschland jedoch bis dato noch meist umsonst studieren darf? Dass sich in den Staaten Privatleute finden lassen, die bis zu 600 Millionen Dollar spenden und dass etwa die bundesstaatliche University of California in Berkeley durch ca. 480 Millionen Dollar im Jahr vom Staat gepusht wird? Das sind schwindelerregend hohe Etats, mit denen in Deutschland leider nicht gerechnet werden kann. Doch wenigstens kann man sich bei uns das Studium noch leisten.

0612_eliteschilder.jpg

Und wenn sie nicht untergehen wollen bei so starker Konkurrenz, dann sehen die übrigen Hochschulen das Ergebnis als Herausforderung. Denn nur so kann Elite geschaffen werden. Durch das Emporheben einiger weniger aus der Masse. Und wer weiß, vielleicht wird das KIT in Zukunft in einem Atemzug mit dem MIT (Massachusetts Institute of Technology) genannt. Einem Comeback der deutschen Universitätsforschung an die internationale Spitze stünde somit nichts mehr im Wege.

Sarah Breuer und Sandra Gäckle

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben