studiVZ: Ich will Freunde

Das denkt sich so manch einer, der auf der Webseite studiVZ.net unter­wegs ist. Aber um welchen Preis? Das Netzwerk ist in den letzten Mona­ten wie eine Bombe eingeschlagen und zu großem Ruhm gelangt. Nun verblasst die Erfolgsstory vor dem Hintergrund zahlreicher Vorwürfe, darunter Sicherheitslücken im Datenschutz und Plagiatvorwürfe.

studiVZ, kurz für Studentenverzeich­nis, ist eine Plattform im Internet von und für Studenten. Sie wurde im Oktober 2005 vom 26-jährigen VWL-Studenten Ehssan Dariani und seinem „Jugend forscht“-Freund, dem 28-jährigen Informatik-Studen­ten Dennis Bemmann gegründet. Michael Brehm hat das Gründer­team Anfang 2006 komplettiert. Mittlerweile zählt das StudiVZ über 1.000.000 angemeldete Mitglieder.

Auf diese Art von sozialen Netz­werken wurde Ehssan Dariani wäh­rend seines Praktikumsaufenthalts in den USA aufmerksam. Dort sind solche Plattformen wie facebook.com allgemein bekannt und sehr beliebt. Offensichtlich ist es nicht abzustreiten, dass sich die Macher von StudiVZ letzteres als Vorlage genommen haben. Optische Ähnlich­keiten sprechen hier Bände!

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Abgekupfert? studiVZ und facebook sehen nahezu identisch aus.

Nicht nur das Layout, sondern auch zahl­reiche Funktionen wurden vom ame­rikanischen Vorgänger abgekupfert.
studiVZ.net bietet europäischen Studenten einerseits die Möglich­keit ihren realen Freundeskreis im Netzwerk darzustellen, andererseits weitere Freunde zu finden. Dabei setzt einem die Online-Community keine Grenzen, denn gesucht wer­den kann nach Namen, Universitä­ten, Interessen, Studiengängen und anderen Stichworten. Kurzum, man kann sich den perfekten Freund be­stellen. Weiterhin kann man sich die Freunde seiner Freunde anschauen, herausfinden was sie für Interessen haben, und ob einen etwas mit ih­nen verbindet – und seien es nur die gemeinsamen Freunde. Das Ganze wird durch eine Reihe von Funktio­nen unterstützt: Von Fotoprofilen, Fotoalben, über den Nachrichten­dienst, die Pinnwand für schnelle Einträge bis hin zu über 180.000 Themengruppen. Du kannst bei­spielsweise der Gruppe „Für weniger Handlung in Pornos“ beitreten oder in der Gruppe „Anonyme Kinder­hasser“ zu einer „entspannten und menschenleeren Zukunft“ beitragen. Im „Sigmund Freud Fanclub“ hast du die Möglichkeit Gleichgesinnte zu finden und über ernste Themen, wie etwa das „Lustprinzip“ debattieren.

„Wer suchet, der findet!“

So lautet das alte Sprichwort, wel­ches sicherlich auch auf das Phäno­men studiVZ.net zutrifft. Denn hier findet man nicht nur neue Freunde, sondern auch verschollen geglaub­te Bekanntschaften können wieder ausgegraben und aufgefrischt wer­den. Plötzlich begegnet man alten Schulfreunden, ehemaligen Nach­barn und Ex-Vereinsmitgliedern, von denen zuvor jedes Lebenszeichen fehlte. Auch die Partnersuche wird im Zeitalter moderner Kommuni­kation erheblich vereinfacht, denn bei studiVZ sind Flirten und Bag­gern erlaubt. Du hast in der Vor­lesung deinen Schwarm gesehen, traust dich aber nicht ihn anzusprechen? Per Pinwandeintrag oder Freundschaftseinladung geht alles einfacher und schneller!
Und dieses, sich ständig selbst aktualisierende, Kontaktbuch gibt es auch noch gratis! Dort kann je­der mithilfe einer Email-Adresse sein eigenes studiVZ-Profil, mit Fo­tos und Informationen zur eigenen Person erstellen. Von allgemeinen Daten über das eigene Studium, Hobbys, Beziehungsstatus, politi­scher Richtung und weiteren Kontaktadressen ist alles möglich.

Studenten packen aus und alle schauen zu

So viele Vorteile dieses boomen­de Netzwerk mit sich bringt, es ist dennoch mit Vorsicht zu genießen. Zwar kann jeder für sich selbst ent­scheiden, wie viele Informationen er oder sie über sich preisgibt. Aber mal ehrlich – wer von uns hat schon einmal genauer darüber nachge­dacht? Entfacht nicht immer wie­der eine neue Diskussion, wenn es z. B. um das Thema biometrische Daten geht? Wie viele Informatio­nen will ich anderen zur Verfügung stellen? Werde ich bald vollkom­men beobachtet und kontrolliert?
In der Tat tun sich neuerdings unabweisbare Sicherheitslücken im Datenschutz des Studentennetzwer­kes auf. Zwar versichern die Macher dem Benutzer, dass seine Daten niemals an Dritte weitergegeben sowie persönliche Daten vor Unbe­fugten geschützt werden. Jedoch berichten kritische Beobachter, wie der Paderborner Blogger Jörg-Olaf Schäfers, dass auch als „nicht öf­fentlich“ gekennzeichnete Profilda­ten der User abrufbar sind. Hierzu erfordert es lediglich einer geringen Abänderung der URL des gesperr­ten Profils und eines studiVZ-Ac­counts. Selbiges trifft auch bei abge­sichert geglaubten Fotogalerien zu.
Doch im studiVZ scheint sich dieser Bereich der reflektierenden Synapsen im Gehirn des Users aus­zuschalten und bei den meisten spru­deln zahlreiche Informationen über sich selbst heraus. Wohl aus dem einfachen Grund, dass man sein Pro­fil so ansprechend, außergewöhnlich und unterhaltsam wie möglich für die anderen User gestalten möchte. So mancher Nutzer motzt sein Profil mit Urlaubsfotos, Partybildern und sexy Posen auf und womöglich wird das Ganze auch noch mit einer Handy­nummer und Adressangabe abgesie­gelt. Auf der Pinnwand diskutierst du mit deinen Freunden, wo es heute Abend hingehen soll. Und dies alles ohne darüber nachzudenken, wer alles Zugriff auf deine Daten hat. Schnell weiß der „nette“ Spanner von gegenüber, was du heute gemacht hast und wo du noch anzutreffen bist.

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Geht es außerdem zu weit, wenn man behauptet, dass das studiVZ immer mehr zu einer Plattform der Selbstrepräsentation transformiert? Was einmal als Hilfsmittel gegen die Anonymität an den Hochschulen be­gann, ist teilweise nur noch sehen und gesehen werden! Einige User ha­ben schon mehrere hunderte „Freun­de“! Insgeheim hat wohl jeder von uns schon einmal davon geträumt berühmt zu sein. Da ist es kein Wun­der, dass studiVZ – wenn auch unbe­absichtigt – schnell zu einem kleinen Ersatz für den Starkult geworden ist. Auf einmal scheint man bekannt, be­deutend und beliebt zu sein, oder hat zumindest Freunde, die es sind.
Bei dem vielen Andrang und den zahlreichen Informationen, die sich der studiVZ Server merken muss, ist es auch nicht erstaun­lich, dass er zeitweise zu kolla­bieren droht. „Käffchen gefällig?“
studiVZ ist zwar spannend, macht auch in der einen oder anderen Minu­te süchtig – man muss ja immer wie­der checken, ob man neue Nachrich­ten und Freundschaftseinladungen hat oder „gegruschelt“ wurde. Aber was bedeutet eine studiVZ Freund­schaft wirklich? Viele von den studi-VZ Bekanntschaften – dies wäre wohl der richtige Ausdruck – wissen nicht mehr über einen, als sie im Steck­brief erfahren können. Und wer hat schon im wirklichen Leben so viele Freunde? studiVZ ist eine gute An­laufstelle um Kontakte zu knüpfen, aber studiVZ-Bekanntschaften kön­nen durchaus oberflächlich sein und ersetzen nicht die wahren Freunde.
Und wie wäre es, wenn du deinen Sitznachbarn in der Vorlesung per­sönlich ansprichst? Komm, trau dich!

Sarah Stephan und Julia Wolf
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Comic: Niklas Horn

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11 Reaktionen zu “studiVZ: Ich will Freunde”

  1. Kaspar Smirnoff

    Hab das Heft gestern in der Uni Mensa entdeckt. Ist angenehm zu lesen. Die Umsetzung in HTML ist auch sehr gelungen.

    Schade nur, dass man hier, passend zur “Ich mach nen Datenstripp im Internet”-Massenhysterie, Name und E-Mail Adresse benötigt. Name kann ich noch verstehen, aber E-Mail Adresse? Da beides (erforderlich) ist. Gibts von mir nichts.

  2. KA.mpus

    Hallo Kaspar (oder auch nicht ;) ??? )

    Erstmal Danke für das positive Feedback!

    Die E-Mail Adressen werden öffentlich nicht angezeigt. Nur die Seitenbetreiber haben Einsicht. Im Endeffekt wollen wir halt auch gerne wissen, wer nun ein Kommentar gibt, eventuell auch Rückfragen!

    Wie du siehst biste ja nun auch komplett Anonym davongekommen. Anonymität kann jedoch viele auch dazu verleiten nur Schund von sich zu geben. Man muss da also auch immer irgendwie Kompromisse eingehen. Aus unserer Sicht wäre das sicherste eine Zwangsregistrierung gewesen, geht ja aber hoffentlich auch ohne. Hoffen wir es ;)

    Viele Grüße,

    Patirck (KA.mpus)

  3. WebNews.de

    Karlsruher Hochschulmagazin zur StudiVZ: Freundschaft vs. Datenschutz?…

    studiVZ, kurz für Studentenverzeichnis, ist eine Plattform im Internet von und für Studenten. Sie w…

  4. Thomas

    “Auch die Partnersuche wird im Zeitalter moderner Kommunikation erheblich vereinfacht, denn bei studiVZ sind Flirten und Baggern erlaubt. Du hast in der Vorlesung deinen Schwarm gesehen, traust dich aber nicht ihn anzusprechen? Per Pinwandeintrag oder Freundschaftseinladung geht alles einfacher und schneller!”

    Das stimmt nicht! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass StudiVZ das Finden neuer Freunde eher erschwert. Das gilt besonders fürs “Anbaggern”! Wenn man ein Mädchen an der Uni anspricht, dann ist es total beschissen, wenn sie abends gleich im Computer nachschauen kann, wer man ist und auch gleich die Möglichkeit hat, Kontakt aufzunehmen. Man kann auch den ersten Kontakt nicht übers STudiVZ knüpfen, weil dies viel zu leicht ist! Wer über StudiVZ anbandelt, hat schon verloren. Der erste Kontakt muss live sein. Auch die Profile erschweren das Baggern nur. Über das, was bei StudiVZ steht, kann man nämlich gerade NICHT sprechen, weil man sonst offenbaren würde, dass man seine Herzdame schon ausspioniert hat und dass also die erste Begegnung geplant und gar nicht spontan war!! Deshalb: Austreten.

  5. chris

    Das stimmt auf jeden Fall Thomas! Irgendwie schon bescheuert, dass man alte Freunde die man selten sieht nach vielen Monaten nicht mehr fragen kann, was sie denn jetzt machen: “Das steht doch im Profil” ;)
    Das einzige was manchmal hilft ist wenn dort “vergeben” steht, und man sich dann nicht umsonst Hoffnungen macht… Aber gerade dann könnte man den perfekten Zeitpunkt verpassen, wenn das Profil der “Richtigen” gerade veraltet war und ‘solo’ noch nicht eingetragen ist ;)
    [Inzwischen bin ich auch nicht mehr im studiVZ]

  6. Petra

    Hallo Thomas, hallo Chris!!
    Ihr habt echt ganz schön recht! :)

  7. Dominic

    Also ich sehe das etwas anders als Thomas. StudiVZ machts möglich dass man heute jede Frau kennenlernen kann die einem gefällt. Es spielt keine Rolle mehr, ob sie zufällig denselben Freundeskreis hat oder im selben Vorlesungssaal sitzt.

    Und wem es komisch ist wildfremde Frauen im StudiVZ anzuschreiben für den gibt es sogar Tipps im Netz (z.B. vzappeal.com). Damit kann man das eigene Dating-Leben eigentlich nur vervielfachen. :-)

  8. bolorkhuu

    hallo ich heisse bolorkhuu und bin 19 jahre alt.Ich bin Student.Ich will viele nette Freunde haben.Koennt Ihr mir bitte hilfen.Ich kann Deutsch sehr gut nicht verstehen und schreiben.Und Achtung .. Ich bin Mongoler .

  9. Facebook verklagt StudiVZ nun auch in Deutschland. : Netzfischer

    [...] Facebook Seite. Wer beide Netzwerke seit einiger Zeit kennt, kennt auch die Ähnlichkeiten, die es im Layout der beiden Websites gibt. Dass StudiVZ sich nicht nur beim Layout von Facebook hat inspirieren lassen, lässt auch der [...]

  10. bolorkhuu

    was ist das für eine scheiße man will catten und nicht lesen hahahaha

  11. Nikon2k

    Naja leute wollen halt wissen was in social networks abgeht.

    Das Studivz eine 1:1 kopie ist, ist ja klar..frag mich nur warum die damals das stylesheet einfach geklaut haben anstatt zu schauen wie es geht :)

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